Der ehemalige deutsche Scharfrichter von Prag, Alois Weiß, hat beim Verwaltungsgericht Regensburg Versorgungsansprüche eingeklagt. Mit dem 131er-Anspruch auf Wiedereinstellung in seinem früheren Beruf wird er freilich nicht durchdringen. Denn in der Bundesrepublik ist die Todesstrafe abgeschafft. Wie er ausführt, ist ihm bis heute noch nicht formell gekündigt worden. Also ist er gar kein „ehemaliger“, sondern, streng genommen, ein Henker zur Wiederverwendung.

Einstweilen sitzt er beschäftigungslos in Straubing, lebt von Gelegenheitsarbeiten und vom Stempeln. Früher hatte er viel Arbeit und entsprechend Verdienst. Denn es gab nur drei Scharfrichter, erst in den letzten Kriegsjahren waren es fünf. Weiß und seine Berufskollegen mußten also von Ort zu Ort ziehen. Überall dorthin, wo die neue Ordnung nach rollenden Köpfen verlangte. Dafür gab es dann nicht dreißig Kopeken für jede begangene Gemeinheit, wie in Tolstois „Lebendem Leichnam“, sondern dreißig Mark. Für den ersten Kopf des Tages gab es sogar vierzig. Dazu bezog Weiß ein Jahresfixum von 3000 Mark, plus 25 Mark monatlich als „Protektoratszuläge“.

Seine Nerven, so erfährt man, sind ungebrochen, und das Schicksal seiner Opfer hat ihn nicht berührt. Er tat nur, was man ihm auftrug, und außerdem, erklärt er, wäre ihm. im Weigerungsfall etwas Böses zugestoßen. So ist er gewissermaßen selbst ein Opfer. Vor allem, wenn sich das Verwaltungsgericht in Regensburg harthörig, zeigen sollte.

H. P. L