Zu den Rätseln der Welt hinter dem Eisernen Vorhang gehören die Geständnisse angeklagter Gegner. Priester und Kirchenfürsten vergessen Gott und bekennen sich schuldig vor ihren weltlichen Richtern; alte Revolutionäre, die durch Dutzende von Gefängnissen aller Regime gewandert sind; werden schwach; fanatische Feinde bitten nicht etwa um Gnade, sondern um schwerste Bestrafung – und das alles nicht selten vor Beobachtern auch aus der westlichen Welt.

Über dieses Rätsel zerbricht sich auch der junge amerikanische Reporter Jim Race seinen Kopf, der auf einem imposanten, durchtrainierten und wohlgenährten Körper sitzt. Dieser Bär in Zivil – im Krieg war er Fallschirmspringer – ist von den USA nach Paris versetzt worden, in die europäische Redaktion des "Chicago Sentinel", und hier verursacht er – auch die Manieren sind die eines Bären – allerhand Wirbel.

Doch setzt die eigentliche Handlung des Romans Kein Anruf aus Wien von Paul Gallico (im Marion von Schröder Verlag, Hamburg; aus dem Englischen übersetzt von Bertram Jibbs) erst ein, als Jim Race aushilfsweise nach Wien versetzt wird. Von dort nämlich unternimmt er – naiv wie fast jeder starke Mann – genau das, was niemand sonst unternommen hätte: er geht schwarz über die ungarische Grenze, um an Ort und Stelle das Rätsel der Geständnisse zu lösen.

In Paris erwartet man seine Berichte, aber es kommt kein Anruf aus Wien; dagegen meldet das ungarische Nachrichtenbüro, daß "der amerikanische Spion Jim Race nach illegalen! Grenzübertritt verhaftet worden ist und seiner Verurteilung entgegensieht". Er ist genau dort gelandet, wo das Rätsel zu lösen ist: im Andrassygefängnis zu Budapest.

Im Verlauf seiner Haft erfährt der wißbegierige Journalist weitaus mehr, als er vertragen kann: Ohne körperliche Tortur im Stile des Mittelalters, vielmehr durch allmähliche Entnervung und endlich durch so etwas wie eine Psychotherapie mit negativen Vorzeichen wird ihm das Bewußtsein seiner Persönlichkeit gestohlen und der leeren Schale eine neue Verhaltensweise injiziert, so daß er am Ende sich selber all dessen bezichtigt, wessen er angeklagt ist, und für sich die Todesstrafe fordert. Er wird verurteilt, und nur durch einen genialen Einfall gelingt es seinem Chef, ihn vor dem Galgen zu retten und nach Paris zurückzuholen – die leere Schale, für die nun Jahre notwendig sein werden, auf daß sie sich neu mit der geraubten menschlichen Substanz fülle.

Das Buch ist ein politischer Reißer, mit sehr viel Takt und artistischem Geschick gechrieben. Die Personen sind nicht immer in die Tiefe gezeichnet, aber nie ist der Sachverhalt verzerrt; die Schilderung der Redaktion und der anderen Schauplätze trifft meist genau; die Darstellung der kommunistischen Justizmethoden klingt zumindest deshalb glaubwürdig, weil nirgendwo das Gegenteil behauptet werden konnte, sondern sich bei Richard Wright, bei Weißberg-Cibulka und anderen Zeugen Parallelen finden. Die Handlung kann erfolgreich mit der eines sehr guten Kriminalromans konkurrieren.

Das Buch aber ist noch mehr: indem sehr konkret vom Menschen gesprochen wird: vom Verlust seines Wesens im politischen Terror, und von seiner Tragik dort, wo er frei ist. Denn Jims Chef muß – freilich erst auf dessen Vorschlag hin – einen anderen Menschen opfern, um den Verurteilten zu befreien, und er muß es tun im Bewußtsein der Gefahr, seine Frau an Jim zu verlieren, Freiheit ist Risiko – diese Erkenntnis ist unser wahrer Gegensatz zum Osten, wo alles reglementierbar und kommandierbar sein muß: nicht nur die Wirtschaft, sondern auch und vor allem die menschliche Persönlichkeit.

Ein Buch, das nicht mehr verspricht, als es halten kann; aber was es verspricht, das hält es tatsächlich. Daher: ein lesenswertes Buch. Herbert Eisenreich