Es ist das Vorrecht der Künstler, temperamentvoll zu sein, und das Vorrecht der Berliner, mit ihren Ansichten nicht hinterm Berge zu halten. So kam es bei der Mitgliederversammlung des "Deutschen Künstlerbundes" (dessen Hamburger Ausstellung in der vorigen Ausgabe der ZEIT besprochen wurde) zu dramatisch an Auseinandersetzungen. Daß dies ausgerechnet in Hamburg passieren mußte, hat eine gewisse historische Pikanterie. Denn hier war eine "Künstlerbund"-Ausstellung Anno 1936 von der nationalsozialistischen Regierung geschlossen warden. Dies echt diktatorische Ereignis bedeutete damals das Ende des "Künstlerbundes", der seit seiner Gründung im Jahre 1903 einen bedeutenden Anteil am. deutschen Kunstleben gehabt hatte.

Die alten Gründer waren der Kunstfreund Harry Graf Kessler und die beiden prominenten Maler mit den gleichen Vornamen gewesen: Max Liebermann und Max Klinger. Die Neugründung geschah 1950, und diesmal übernahm Karl Hofer, der Präsident der Berliner Kunstakademie, den Vorsitz. Zwei Jahresausstellungen haben seitdem stattgefunden: in Berlin 1951, in Köln 1952. Und nun die dritte in Hamburg. Sie enthält rund 200 Gemälde und Graphiken, ferner etwa 60 Plastiken, darunter 13 Skulpturen Wrampes: eine kleine Gedächtnisausstellung zu Ehren dieses hervorragenden Bildhauers. Stets ist eine Jahresausstellung Anlaß, daß sich die Mitglieder in einer Versammlung zusammenfinden. Bei diesem Anlaß also wurde der Antrag gestellt, den "Deutschen Künstlerbund" aufzulösen und neuzubilden.

Die Aufgaben des Künstlerbundes? – "Dem Künstler die Freiheit zu sichern!", so schrieb schon Graf Kessler. Das Ziel der heutigen; von den Berlinern angeführten Rebellion? – "Dem Künstler die Freiheit zu sichern gegen – die Jury". – "Gegen die Jury? Wie kann eine Jury – ein Schiedsrichterkollegium also, das bestimmt, welche Werke welchen Künstlers in eine Ausstellung kommen – die Freiheit bedrohen?" – "Dadurch, daß in diesem Kollegium Vertreter einer bestimmten Kunstrichtung die Überhand gewinnen und versuchen, zuförderst die Zugehörigkeit einer bestimmten Kunstrichtung, die Treue zu einem ästhetischen Prinzip, maßgebend sein zu lassen und dann erst die Qualität eines Bildwerks. Außerdem ist das Jurieren, das Auswählen, eine Frage des Taktes, die in diesem Falle nicht schwer zu behandeln sein sollte, denn die rund 100 Mitglieder sind allesamt Künstler, die Anerkanntes geleistet haben."

Soweit Formulierungen der berlinischen Opposition. Allerdings, als die Frage des Taktes in der Mitgliederversammlung angerührt wurde, hat Georg Meistermann, Jury-Mitglied und Vertreter der abstrakten Richtung, erwidert: "Dies ist keine Takt-Ausstellung, sondern eine Kunst-Ausstellung!" – "Sonderbar berührt schon die Feststellung", so sagen die Opponenten zur Frage des Takts, "daß die 15 Angehörigen der Jury 55 eigene Werke zur Ausstellung brachten; 113 andere Maler und Bildhauer haben die übrigen 196 Werke ausstellen dürfen".

"Diktatur der Jury!" – so erklärt die Opposition. "Es ist ein Verein mit Führerprinzip. Einmal ernennt der Vorstand die Jury; ein anderes Mal ernennt die Jury den Vorstand. Das ‚Bäumchen-wechsel-dich-Spiel‘ gibt es hier nicht. Und das muß geändert werden." – "Aber las man in einem hektographischen Beiblatt zum Ausstellungskatalog nicht den Satz, daß die Jury aus der Elite der Künstlerschaft besteht? Das – würde erklären, daß die Werke der Elite vorherrschen dürfen und müssen. Wörtlich: ‚Wer heute diesem oder jenem der ausgestellten Werke skeptisch gegenüberstehen sollte, möge darauf vertrauen, daß eine Jury, die aus der Elite der deutschen Künstlerschaft bestanden hat, aller menschlichen Voraussicht nach das Urteil der Geschichte nicht zu scheuen haben wird‘ ..." – Was der berlinische Opponent, übrigens ein prominenter Maler, dem entgegenhält, ist folgendes: "Nach Jahrhunderten bleiben von jeder Generation nur drei, vier Künstler übrig; die anderen liegen in den Särgen und würfeln, wer der Beste war..."

Wahrscheinlich wird nach Jahrhunderten das Werk des Künstlers Gerhard Marcks anerkannt bleiben, den man als den besten Bildhauer unserer Tage rühmt: eine große Plastik – oder zwei? – wurden in Hamburg "ausjuriert", obwohl Marcks selbst der Jury angehörte; er ertrug’s schweigend und nobel. Nach Jahrhunderten noch wird man wahrscheinlich von der künstlerischen Leistung eines Max Pechstein wissen: Diesmal wurden alle seine Bilder "ausjuriert". So geschah es Otto Dix. Und Schmidt-Rottluff, dessen Name Friedrich Ahlers-Hestermann in einem literarischen Beitrag zum Katalog ehrend nennt, hat neue Bilder gar nicht erst eingesandt; er war schon im vorigen Jahr zu Köln "ausjuriert" worden und hat seine Konsequenzen gezogen, Künstler, die schon im "Dritten Reich" nicht ausstellen durften, dürfen diesmal wieder nicht. Damals Herrschaft der Nazi, heute die Herrschaft wessen ...? Ja, man getraut sich’s nicht zu sagen. Es sind jene, von denen Karl Hofer – der sich zwar nicht das gültige Kunstprinzip, wohl aber offenbar das Vokabular der Fachsprache angeeignet hat – im Katalog sagt, daß sie in der "Mehrzahl der gezeigten Werke" einen "neuen Ausdruck im Ungegenständlichen" suchen: "Diagramme des Innenlebens". Dies sei, sagt Hofer, als "Zeichen der Zeit" zu werten, "als Gegensatz ebenso wie als Ergänzung der mechanisierten Welt, als eine Bewegung. in der man anderwärts, in anderen Ländern noch beträchtlich weiter geschritten ist".

Nichts also gegen die Abstrakten an sich! Als Mitglieder einer Jury aber haben sie offenbar den Vorteil, energisch und mit geschliffenem Intellekt zu Wort zu kommen.