Jede Stadt, ja, fast jedes Dorf in Marokko ist von "! Ji einet hohen Mauer umgeben. Es sind nicht monu, mentale Mauern aus Stein, sondern Mauern aus rötlicher ekliger Erde. Hier und da wächst ein Feigenbaum aus ihrem rissigen Fundament, Immer wieder zerfallen sie im Laufe der Jahrhunderte, müssen gestützt und ausgebessert werden und haben etwas sehr M sdiläches in ihrer Vergänglichkeit. Wenn man in Rabat zum Sonnenuntergang auf das Dach der Ka$ba> der alten festungsartigen Burg, die ein Teil der Mauer ist, steigt, dann schaut man inunter auf die genießerisch angelegten. Gärten er Epochen, mit ihren Treppen, Brunnen Ler arabischen Stadt, in denen Kinder Ball spielen. Man sieht ihre dunklen Köpfe über den bunten V >emden, herumspringend zwischen den langen [hellen Gewändern der Männer. Eine hagere schwarze Katze streicht über die hellen, flachen Dächer, die noch die Hitze des Tages ausstrahlen; dahinter liegt jenseits der Flußmündung die Stadt Säle, deren weiße Mauern in Stufen zum Ozean heruntergehen. Auf der anderen Seite ein riesiger freier Platz, zum Meer hin in leichtem Bogen geneigt — in der Dämmerung sieht er aus wie eine unabsehbare große Weide mit ungezählten bewegungslosen Schafen darauf: der mohammedanische Friedhof. Regellos sind die grauen, unbehauenen Steinplatten aufrecht in die Erde gesteckt, dazwischen wogt niedrige wilde Gerste, wächst abgetretener Rasen.

I Als ich an der Mauer entlang zurück ins Hotel ? ging, war der Himmel am Horizont noch blaß, aber nach der Wölbung zu schon in jenem mystisch leuchi tenden Blau des Südens verklärt. Das ist dieStunde, in der die Frauen von ihrem Abendspaziergang zurückkehren, die Kinder mit einem kunstvoll ge! scliJungenen" Tuch auf dem Rücken festgeknotet, ! Einzeln kommen sie des Wegs oder Hand in Hand. , isie tragen pasteüf arbene lange Gewänder, zu denen dir Schleier, der nur die Augen freiläßt, in raffijtiiert kontrastierenden Farbtönen gewählt wird: blaßblau mit Ockergelb, taubengrau mit Korallenfarbe, meergrün und violett. Würde man sie am Tag wiedersehen, in ihrer kleinbürgerlichen ärmlichen Umgebung und gar unverscbleiert, entfiele ein gut Teil des Zaubers. Hier aber, bei diesen abendlichen Begrüßungsszenen begegnen sie einander wie Fürstinnen auf einer Soiree. Sie küssen sich rechts und links auf die Wange mit leicht vorgebeugtem Oberkörper, bestaunen mit exaltiertem, vogelartigem Gezwitscher ihre Kinder und brechen dabei in kleine, scheinbar einstudierte Gelächter aus. Im Hintergrund die dunkle Mauer mit ihren Türmen, die sich scharf voni Himmel absetzt — es ist wie auf der Bühne, wie in einer Inszenierung von Rennen in der Hamburger Oper, so sehr aus einem Farbgefühl inszeniert, so wirklich und unwirklich zugleich.

In Meknes, in der Mellah, dem Judenviertel, erbot sich ein Araber, mich lieber in die Medina, das arabische Quartier, zu führen, denn hier sei es schmutzig, stinkig und langweilig. Da ich ihm nur beipflichten konnte und ohnehin meinen Weg verloren hatte, folgte ich gern seinem Rat. Das Verhältnis zwischen Juden und Arabern ist hier höchst merkwürdig. Im Grunde verachten sie einander, können aber wiederum auch nicht ohne einander auskommen. Die Araber brauchen die luden, weil sie nicht im Voraus disponieren können id immer erst, wenn sie etwas ganz dringend rauchen, daran denken. Darum ist für sie der Jude unentbehrlich, und genau darum ist für diesen der Araber lebensnotwendig, denn nur an ihm verdient "er jüdische Geschäftsmann. Die Zinssätze, zu nen Geld ausgeliehen wird, gehen oft bis zu 30 4- 40 vom Hundert. Das hat zur Folge, daß :, wenn irgendwo etwas los ist, wie von ungeuch in der Mellah ein paar Boudiken zer gen werden.

Beiräten zwischen Israeliten und Mdhammedan kommen so gut wie nie vor. Die israelitischen Glaubensgemeinschaften haben sich tatsächlich seit zwei Jahrtausenden fast unvermischt erhalten, Der Palästina Konflikt, der im ganzen Vorderen Orient das Verhältnis der Araber und Juden bestimmt, interessiert hier eigentlich niemand, diese Ereignisse liegen geographisch zu fern, als daß sie in das Bewußtsein der Menschen eingedrungen wären. Allerdings sind eine ganze Reihe Juden in den letzten Jahren nach Israel ausgewandert, einige divon aber enttäuscht wieder zurückgekehrt. Mein sehr redseliger arabischer Begleiter, der übrigens europäisch gekleidet war, was hier verhältnismäßig selten äst, erzählte mir auf unserer gemeinsamen Wanderung, daß er als Soldat in Italien und Deutschland gekämpft hatte. Er sei als Gefreiterausgeschieden. Von Beruf war er Anstreicher, im Moment aber arbeitslos.

Gefreiter also, dazu Anstreicher und arbeitslos . Nach dem Rezept von Admiral Canaris, von dem ein Freund berichtet, er habe während einer gemeinsamen Reise durch Spanien die Schafherden stets mit erhobenem rechten Arm gegrüßt mit der Begründung: "Man kann nie wissen, ob da nicht ein Führer dabei ist", begann ich, ihm mit Aufmerksamkeit zu Sauschen. An seine politischen Instinkte appellierend, fragte ich ihn, ob es nun eigentlich für Marokko besser sei, wenn die Franzosen abzögen. Worauf er antwortete: "Nein, denn die Europäer nehmen nur die Hälfte von dem, was eigentlich dem Volk gehört, die einheimischen Herrscher aber würden alles nehmen " Fes ist eine ernste, feierliche Stadt, das religiöse und intellektuelle Zentrum des mohammedanischen Marokko. Das religiöse Kollegium von Fes wählt den Sultan, denn Marokko ist keine erbliche Monarchie. Der Sultan muß aus der Reihe der Nachkommen des Propheten gewählt werden, darum ist er stets Araber — ein Berber kann niemals Sultan werden. Das Kollegium von Fes kann den Sultan auch wieder absetzen. Vor Errichtung des französischen Protektorats sind innerhalb von 50 Jahren fünf Sultane vom Kollegium in Fes abgesetzt worden.

Vor tausend Jahren, an der Wende des 8 zum 9. Jahrhundert, als Karl der Große in Franken und der Kalif Harun al Raschid in Bagdad herrschten, wurde Fes gegründet. Idris, ein Nachkomme des Propheten, der der großen Dynastie der Omayaden entstammte, war aus Mekka nach Nordafrika, "dem äußersten Westen", wie Marokko damals hieß, geflohen, um den Verfolgungen Harun al Raschids zu entgehen. Er begann die Berber, die ihn bereitwillig aufnahmen, zum Islam zu bekehren, und heiratete eine Berberin. Als Harun al Raschid von seinen Erfolgen hörte, schickte er einen Agenten nach Marokko, der Idris vergiftete. Sein Sohn, Idris II, in dessen Adern nun also arabisches und berberisches Blut floß, gründete Fes, lange Zeit die Hauptstadt eines großen Reiches, das ganz Nordafrika und große Teile Spaniens umfaßte. Im 14. Jahrhundert war Fes — weit bedeutender als heute — wirklich eine glanzvolle Kapitale. 8000 Studenten studierten an der Karouine Universität, prächtige Paläste wurden gebaut, zahllose Moscheen und viele Medersas, jene religiösen Schulen, die noch heute der Schulung des geistigen Nachwuchses dienen. Dort werden in langwieriger Ausbildung, die manchmal 10 bis 15 Jahre in Anspruch nimmt, genau in der gleichen Weise wie im 14. Jahrhundert, die zukünftigen Schrift- und Rechtsgelehrten im Koran und seiner Interpretation unterwiesen.

Merkwürdigerweise ist die maureske Kunst im Fes des 14. Jahrhunderts weit strenger als die zeitgenössische Gotik unserer nördlichen Regionen. Fast schwarz ist das Zedernholz geworden, das in raffinierter Weise mit dem ornamentierten Stuck zusammen beim Bau der Medersas verwandt worden ist, als tragende Balken über den Säulen oder als Dachüberhang, der in den offenen Hof hineinragt und die schmalen grünen Dachziegel trägt. Die Höfe sind mit großen weißen Marmorquadern ausgelegt, in der Mitte befindet sich fast immer ein Brunnen, an dem die Gläubigen vor dem Gebet Hände unä Füße waschen. Ganz still ist es hier. Man hört nur das Geräusch des Wassers und das Murmeln der Studenten, die in ihren Kammern im oberen Stockwerk des Hofes, ein Buch in der Hand, an den kleinen Fenstern sitzen und die Sprüche des Propheten und die Gesetze des Islam auswendig Jemen. Tritt man aber durch die riesigen schweren Holnore wieder heraus in die engen Gassen der Araberstadt, dann umbrandet den Besucher sofort das laute Leben des Basars. Wie, ein unergründliches, geheimnisvolles Labyrinth sind diese Straßen, bald grell von der Sonne beschienen, bald in geheimnisvollem Halbdunkel von Gewölben überdacht. Wie im Mittelalter die Gilden das Leben in der Stadt regelten, so beherrschen hier die einzelnen Handwerkszweige ganze Straßenzüge: die Kesselschmiede, Schneider, Tischler, Sattler, Schuhmacher und Händler. Viele Stunden habe ich mich durch dieses Labyrinth treiben lassen, vorbei an bunten Stoffen, Früchten, Hühnern, die mit zusammengefundenen Krallen und rollenden Augen ganz still auf der Erde liegen, vor ihren ebenfalls bewegungslos dort hockenden Besitzern. Teppiche — Süßigkeiten — Fliegen — Fleisch und immer wieder Fliegen .