Die Jahresversammlung der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie e.V., Düsseldorf, ist ihre bisher eindrucksvollste Nachkriegstagung gewesen. Zwar waren sie wirtschafts- und stahlpolitischen Ausführungen, die von dieser Plattform aus gemacht worden sind, auch in den Vorjahren von hohem Niveau – die diesjährige Versammlung aber brillierte durch die drei Ansprachen von Hüttendirektor Karl Barich (Südwestfalen AG, Geisweid) als Vorsitzender der Vereinigung, Hermann J. Abs und, als Gast, Franz Etzel, Vizepräsident der Montan-Union. Es wurde nicht gerade scharf geschossen, aber es gab doch mehrere "Duelle auf zarte Säbel". Die profilierten Anti-Thesen von Abs zu Monnets Investitionslenkungstheorie, die aus dem Fonds der Hohen Behörde schöpfen will, wurden in einer so elegant-artistischen Rhetorik vorgetragen, daß Etzels Tischrede mit Spannung erwartet wurde. Und der deutsche Delegationsführer der Montan-Union reagierte prompt und nicht weniger geschickt. Er zog das ihm so geläufige Register eines väterlich mahnenden Anwalts, der in Sachen Familienrecht plädiert, und legte einen Seidenfaden nach dem anderen um seinen Tischnachbarn und Redegegner Abs, so daß dieser fast völlig eingepuppt wurde.

Barich verwahrte sich gegen den Vorwurf der Hohen Behörde, die Eisenindustriellen hätten interne Vereinbarungen gegen die Ziele der Montan-Union getroffen, nannte den Entscheid der Hohen Behörde in dem bekannten Steuerstreit "die bisher schwerwiegendste negative Regelung", sprach optimistisch über die künftigen Absatzaussichten für Eisen und Stahl, die sogar eine 18-Mill.-t-Jahresproduktion vertragen könnten, meinte, daß die Stahlpreise kaum nachgeben würden und erklärte, daß der Investitionsbedarf dieser Industrie in den nächsten Jahren 4 bis 5 Mrd. DM betrage.

Abs warnte vor allzu übertriebenen Hoffnungen auf ausländische Kapitalquellen und erklärte, daß auch künftig der Großteil der Investitionssummen aus innerdeutscher Kapitalbildung gespeist werden müsse. Er wandte sich erneut und eindeutig gegen die Bestrebungen der Hohen Behörde, Investitionsbank für die Montanindustrie spielen zu wollen. "Ebensowenig wie bisher Regierungen Träger und Lenker industrieller Großkredite sein sollten, ebensowenig darf dies eine supranationale Regierung sein. Wir würden sonst den Teufel mit Beelzebub austreiben und würden an Stelle des nationalen Dirigismus – den wir nicht haben – den supranationalen Dirigismus bekommen – der doch nicht angestrebtwerden soll." Abs betonte, daß die Initiative für die Kreditaufnahme und die letzte Entscheidung über die Durchführung einer Investition allein durch den kreditnehmenden Betrieb und seine Unternehmer selbst zu geschehen habe. Alles andere dürfe nur Hilfsstellung sein.

In seiner Antwort unterstrich Franz Etzel zwar diesen Gedanken – er hatte auch schon während der Rede von Abs an dieser Stelle, als einziger in der Versammlung, laut applaudiert –, er widersprach jedoch der Auffassung, daß es der Montan-Union verwehrt werden sollte, sich durch das Umlageverfahren schnell ein reichliches Kapitalpolster anlegen zu können, das eben als Deckungsstock für internationale Anleihen dienen soll. Dazu prägte er das Bonmot: "Wenn wir schon eine Familie sein wollen, dann muß auch das jüngste Kind dieser Familie, wenn es unter Ihnen etwas gelten soll, genau so reich und wohlhabend sein wie sämtliche übrigen Familienmitglieder." Rlt.