In Amerika, wo man für die Verbesserung der human relation alles testet und untersucht, was sich nur untersuchen läßt, ist man gerade dabei zu erforschen, inwieweit Politiker, die auf dem Fernsehschirm erscheinen und sprechen, durch ihr Aussehen und ihre persönliche Wirkung populärer und Erfolgreicher sind als andere. In Europa liegen noch keine Ergebnisse einer solchen Untersuchung vor.

Man kann nur nach dem eigenen Augenschein urteilen. Was stellt man also fest? Das Spazierengehen auf dem Antlitz eines Politikers, das in Großaufnahme auf dem Fernsehfilm oder auf der Filmleinwand erscheint, ist nur selten ein zusätzliches Vergnügen beim Anhören seiner Worte. Es steigert auch nicht die Aufnahmebereitschaft oder die Aufnahmemöglichkeit. Eher lenkt das Betrachten der Nase, des bewegten Mundes, der treuherzigen, strengen, listigen oder lustigen Augen von den bedeutenden Worten ab. Nur wenige Politiker entwickeln so viel Charme, daß er in unserem Unterbewußtsein Sympathie erzeugt und uns noch mehr gewinnt als die Rede. Wie gefährdet sind wir aber dabei, und wie leicht können wir auf Scharlatanerie hereinfallen!

Auch wenn es weniger prominente Sprecher sind, vielmehr alltägliche Ansager und Conférenciers, gerät die Fernsehsendung schon jetzt bei der Besetzung in Bedrängnis. So schöne und gleichzeitig gelöste, natürliche Mädchen, die uns im Halbdunkel vom Bildschirm her unterhalten sollen, gibt es gar nicht. Schon nach wenigen Sendungen kennen wir alle Hügel und Fältchen in der Landschaft ihres Antlitzes auswendig, und die Fähigkeit, die Gesten zu varrieren und zu nuancieren, ist leider beschränkt. Männer, meistens weniger hübsch, sind auf die Dauer auch nicht interessanter anzusehen, selbst wenn sie Geist sprühen. Nur wenige Gesichter, wie zum Beispiel das der Garbo, öffnen den Menschen das Herz und erfüllen so eine moralische Aufgabe. Schließlich würden wir selbst die Freunde in unserer nächsten Umgebung – die wir uns immerhin im großen und ganzen noch aussuchen können – nicht so ungeniert minutenlang studieren, es sei denn, wenn sie schlafen – es würde ihnen und uns nicht gut tun. Nie aber sind wir in der Dunkelheit ganz allein auf ihr Gesicht, etwa gar leuchtend und in Großaufnahme, angewiesen. Wer weiß, wie schnell wir uns gegenseitig langweilig würden.

Der Film – die Konkurrenz des Fernsehens und der Fernsehansager fürchtend, und überraschende Neuheiten suchend – ist neuerdings auch häufiger dazu übergegangen, Conférenciers von der Leinwand ins Publikum plaudern zu lassen. Zuerst waren es nur erklärende Stimmen, die vorüberrollende Bilder erläuterten. Die Bilder blieben immerhin die Hauptsache, dafür saßen wir ja schließlich auch im dunklen Kino. Es hatte sogar den Vorteil, daß wir vorbeiziehende Bilder ansehen konnten, ohne daß handelnde Menschen aufzutreten brauchten. Auch im Vorspann lernten wir statt der ermüdenden Namenslisten öfter einen freundlichen Herrn, meistens einen der Hauptdarsteller des folgenden Films, kennen, der uns die kommenden Personen vorstellte und erklärte. Eines Tages, so in dem Film nach Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt", wurde der anonyme Sprecher ehrgeizig und sah, über einen Gartenzaun gelehnt, zu uns in den dunklen Zuschauerraum hinein, um uns in das kommende Geschehen einzuführen. Die Wirkung war ebenso überraschend wie desillusionierend. Warum hielt er uns auf? Wir waren gekommen, um einen Film, also bewegte Bilder, zu sehen. Nun stand dort ein einzelner Herr, der nichts damit zu tun hatte, machte gerade so viel Bewegungen, daß wir nicht glaubten, er sei tot, und das übrige versuchte die Kamera beizusteuern, indem sie hin und her schwenkte, um den Sprecher von allen Seiten zu zeigen. Doch keine war interessanter als die andere.

Der Conférencier im Kabinett – und dort ist doch wohl seine Geburtsstätte – muß immer sprühend, witzig und geistvoll sein, um uns zu fesseln. Ist er das nicht, so kann er noch versuchen, charmant mit den Falten des Vorhanges zu spielen, mit den Armen zu schwimmen oder sonst Allotria zu treiben, um unsere Aufmerksamkeit von seinen Worten abzulenken. Manchmal rettet ihn auch das Publikum, weil es interessanter ist als er. Im Kino aber ist es dunkel, wir können das Treiben der Nachbarn rechts und links nicht erkennen.

Wie dunkel es dort ist, zeigte uns kürzlich der Film "Pläsier" von Ophüls, der seit einiger Zeit in der Bundesrepublik (jetzt Esplanade-Theater, Hamburg) läuft. Er löschte auch das Licht auf der Leinwand, und der Sprecher plauderte im Dunkeln. Nun ja, das war eine neue Überraschung, ein neuer Filmgag. Immerhin war es Maupassant persönlich, der – noch dazu aus dem Jenseits – mit der brüchigen faszinierenden Stimme Adolf Wohlbrücks zu uns sprach. Er sagte, in die Finsternis hinein, die Filmproduzenten hätten zuerst vorgehabt, ihn vor wechselnden Bildern aus Paris seine für die Geschichte des Films notwendigen einführenden Worte sprechen zu lassen. Jedoch, in Paris habe er gelebt und wolle dort nicht als Toter reden.

Er sagte, man habe ihn selbst im Bilde zeigen wollen, aber schließlich sei er gestorben und im Jenseits und möchte nicht als Lebender auf der Leinwand erscheinen. Schließlich habe er den Produzenten klar gemacht, im Dunkeln zu sprechen und die Anfertigung neuer Bilder zu sparen, wäre billiger – da hätten sie eingewilligt. Immerhin, der Text hatte Witz, das ganze den pikanten Reiz der Neuheit und die Illusion, den toten Dichter aus dem Grabe im Dunkeln zu hören, eine magische Faszination. Dennoch hatte mein Nachbar recht, als er sagte: "Ich habe mein Eintrittsgeld bezahlt, um einen Film zu sehen und nicht, um im Dunkeln zu sitzen." Die Filmvorführer schienen inzwischen selbst unsicher geworden und hielten nicht durch: im zweiten Teil boten sie den Zuschauern die Möglichkeit, beim Lauschen auf Maupassants Worte den angestrahlten roten Plüschvorhang und einige Dekorationsblumen zu besehen.

Seit kurzem haben Kinobesucher der Bundesrepublik (Holi, Hamburg) das Vergnügen, vor dem sehr alten Ingrid-Bergman-Film "Adam hatte vier Söhne" einen der schönsten Zeichentrickfilme zu sehen, die je gemacht wurden:"Rooty toot toot" ("Piff, paff, puff!"). Die köstliche Satire auf einen Mordprozeß ist farbig bezaubernd und von hoher künstlerischer Qualität, dazu sehr humorvoll, von sprühendem Geist und voller Poesie und Menschlichkeit. Es wäre unmöglich gewesen, diesen Film zu synchronisieren, ohne seine Feinheiten zu zerstören. Also mußte der Erklärer herbei. Axel von Ambesser ercheint in Großaufnahme, und mit dem ihm reich zur Verfügung stehenden Charme und der Raffinesse des versierten erfolgreichen Conferenciers erzählt er, was zum Verständnis der folgenden Bilder nötig ist. Er macht es wirklich großartig. Der Text, den er spricht, ist dem folgenden Film durchaus adäquat, aber waren es auch die Großaufnahmen seines Gesichtes? Er zwinkerte mit den Augen, abwechselnd rechts und links, er bewegte auch in Großaufnahme seine Lippen diszipliniert und ästhetisch, und manchmal hatte er als besondere Attraktion sogar ein Grübchen. Ja, aber die das Gesicht des Schauspielers schon gut kannten, der auch als Fernsehansager neuerdings zu sehen ist, gerieten bei der langen Erzählung mit ihren Augen sehr bald auf Abwege. Mit der Umgebung kann man sich aber eben auch nicht beschäftigen, da sie im Dunkeln liegt. So beginnt der Hader darüber, wie weit man sich entfernt hat von den großartigen Uranfängen des Films, da man das menschliche Gesicht als seelische Landschaft entdeckte und die Nuance der Mimik. Nun erscheinen jedoch Menschen in Großaufnahme ganz ohne Sinn und Bedeutung auf der Leinwand, wichtig soll allein sein, was sie mitzuteilen haben. Warum denn wird der Filmerklärer gezeigt, warum nicht auch der Regisseur, der Kameramann und der Friseur? Wie weit kann der Film eigentlich seine eigenen Gesetze verleugnen? Statt der Übersetzung von Ideen in bewegte Bilder beginnt er Bilder als Kulisse für gesprochene Texte zu benutzen. Ist schon der Begleitsprecher, der immerhin die Rolle des antiken Chores oder Stimme und Gewissen des Publikums übernimmt, nur gut, wenn er dem sichtbaren Geschehen dient, wenn er charakterisiert, statt selbst Charakter zu zeigen, so ist es ganz langweilig und unfilmisch, wenn der Ansager oder Conferencier, der nun gar selbst im Bild sichtbar wird, als Hauptperson vor dem Film die Aufmerksamkeit auf sich lenkt, statt unpersönlich hinter dem Sichtbaren des eigentlichen Filmwerks zurückzutreten. Hier begeben sich also die Filmhersteller auf Abwege ... Erika Müller