Eine Reise von Kairo nach Kapstadt durch das Innere Afrikas wird heute von einem Flugzeug in weniger als vierzig Stunden erledigt. 1930 noch brauchte man 40 Reisetage, die Zwischenaufenthalte nicht gerechnet. Alles ist – wie sagt man doch? – nahe gerückt. Bleiben wir also gleich in der Nähe! Fährt man von Hamburg aus, so reist heutigentags derjenige, der vor dreißig Jahren auf drei Tage in die Heide gefahren wäre, auf drei Tage an den Rhein. Wer damals eine Fahrt an den Rhein als Reise bezeichnet hätte, fährt heute nach Rom und legt die Reise mit der gleichen Anstrengung hinter sich, wie damals die an den Rhein.

Dieser äußere Wandel hängt mit einer inneren Wandlung zusammen; das ist selbstverständlich. Deutlich kommt dies in der Einrichtung der Gesellschaftsreisen zum Ausdruck; besser würde man sie Gemeinschaftsreisen nennen. Sie sind eine Einrichtung des öffentlichen Lebens und geradezu ein volkswirtschaftlicher Faktor geworden.

Schon vor dem ersten Krieg boten die großen deutschen Schiffahrtslinien Gelegenheit zu Gesellschaftsreisen. Man konnte mit der Hapag oder dem Norddeutschen Lloyd für 450 Mark drei Weltteile besuchen, für das Vierfache überhaupt um die ganze Welt fahren und konnte durch den weiträumigen Charakter des Beförderungsmittels individualistischen Launen viel Freiheit geben. Die Hamburg-Süd hatte 1930 den Vogel abgeschossen mit einer Reiseeinrichtung, die sich heute gewiß erst recht bewähren würde. Sie hatte auf M.S. Monte Rosa Wohndecks eingerichtet mit großen luftigen Schlafsälen für 80 Reisende, fuhr nun zwanzig Tage lang zwischen den europäischen, afrikanischen und asiatischen Mittelmeerküsten herum und dann über Portugal nach Haus. Das kostete 150 Mark. Tempi passati!

Die Engländer kennen schon seit Generationen den Begriff Gesellschaftsreise. Hoch der Name Cook! Berühmt in allen Weltteilen, in allen Witzblättern! Cook lebt vom Phlegma und vom Konservatismus seiner Kunden, nicht weniger von ihrer Wohlhabenheit. Mit derselben Selbstverständlichkeit wie Cooks Reisebüro einen Flug von London nach Hamburg vermittelt, besorgt es ein Hausboot auf dem Nil.

Die Teilnehmer an unseren heutigen deutschen Reisegesellschaften begeben sich vollständig in die Obhut eines Instituts, das seine Reisedispositionen ausorganisiert wie das Spiel auf einem Schachbrett. Über Pläne und Reisende befiehlt der Reiseleiter oder, wo es keinen solchen gibt, gar lediglich der Chauffeur, doch natürlich vor allem das minutiös ausgearbeitete Programm des Unternehmers. – Vieles von dem Wandel in der Form des Reisens geht auf ökonomische Notwendigkeiten zurück. Die Diskrepanz zwischen dem Einkommen und den Kosten des Lebenshalts erzwingt äußerste Rücksichtnahme auf die Geldmittel. Nur die Vorteile, die die Unternehmer ihren Kunden durch Globalabmachungen mit Hotels, Fährgesellschaften und so weiter herauswirtschaften, erlaubt der Mehrzahl die Betätigung des Reisedranges.

Aber in diesem Wandel treten wohl doch noch andere Elemente zutage, die tiefer im Wesen von Mensch und Zeit lagern. Früher waren selbst Reisen mit vorgenommenem Ziel immer ein wenig "Reisen ins Blaue". Man stand vor ihnen, wie vor der Möglichkeit eines Wunders. Man erwartete geradezu, durch ein mystisches Einschmelzen in das zu Sehende, zu Erfahrende, zu Erlebende die Befreiung von der geistigen Schwerkraft des Alltags zu finden. Reisen bedeutete: sich selber suchen in der Welt. In den Ausmaßen der Entfernungen lagen geheimnisvolle Spannungen, in dem Raum zwischen ihnen Begriffe, die an das Übersinnliche herantrugen. Aber seitdem durch die Entwicklung des Motors die Vorstellungen ihr altes Maß verloren haben, hat die Volksseele den Respekt vor Entfernungen und ihren Räumen aufgegeben. Das Reisen ist nicht mehr frommes Erschauern vor der Gnade und Gabe der Dinge; es ist nicht mehr süße Gabe und Gift für die Persönlichkeit. Heute bestellen viele ihre Fahrkarten wie die Sitzplätze in einer Arena, in der Boxer oder Sechstagerenner auftreten. Man ist Objekt geworden und ist nicht mehr Subjekt. Viele Reisende fliehen geradezu in die Gesellschaftsreise, als wollten sie die eigene Verantwortung abladen. Dabei machen allerdings die Reiseleiter oft die Beobachtung, daß innerhalb des Zusammenschlusses der Gesellschaft manche Reisenden sich zu ihren individualistischen Problemen zurückfinden und ihre Konflikte mit auf die Reise nehmen.

Norbert Jacques