Von Bengt Paul

Mit sieben Kanonenschüssen, mit Trompetenstößen mittelalterlich gekleideter Herolde und dem Geläut aller Kirchenglocken begann die 700-Jahrfeier der schwedischen Hauptstadt Stockholm, die nun 126 Tage lang ein Fest der Stockholmer und, so hofft man, vieler ausländischer Besucher sein wird. Umzüge, Militärparaden, Sportfeste, Opernwochen, Festvorstellungen, Ballettabende, Filmfestspiele und viele andere Ereignisse werden bis zum 13. September für ein abwechslungsreiches Programm sorgen. Mittelpunkt der Feiern ist der Königsgarten im Herzen der Stadt, der zu einem Festplatz mit Freilichtbühne, erleuchteten Seen und einem Festrestaurant verwandelt worden ist. Fahnen und Blumen schmücken die ganze Stadt, und zwei der größten Attraktionen sind die ersten Nachtlokale, die der Stadtrat in der 700jährigen Geschichte Stockholms zugelassen hat. Der König und die Königin und 75 000 Stockholmer wohnten der feierlichen Eröffnung im Königsgarten bei.

Alles hat sich verändert im Laufe der siebenhundertjährigen Geschichte Stockholms, nur eins nicht: die ideale Lage der schwedischen Hauptstadt. Schon vor 700 Jahren also haben Seefahrer mit sicherem Blick erkannt, daß an dieser Stelle der Schlüssel zum Mälarsee lag. Dieser drittgrößte See Schwedens – mehr als zweimal so groß wie der Bodensee – streckt sich 117 Kilometer weit nach Westen in das Land hinein. Mit vielen Abzweigungen ein idealer Transportweg in diesem unwegsamen, felsigen und bewaldeten Gelände. Dort, wo heute Stockholm liegt, wird der Mälar, der bis zu 50 Kilometer breit werden kann, zu einem etwa einen Kilometer breiten und fünf Kilometer langen Auslauf, und mitten darin liegt eine große Insel, die ihn wie ein Tropfen fast ganz versperrt.

Wikinger aus Karelien in Finnland waren 1187 in den Mälarsee eingedrangen und hatten die bedeutendste der vielen Städte an seinen Ufern, Sigtuna, geplündert. Das soll der Anlaß gewesen sein, die Insel (schwedisch holm) mit Bollwerken (stockar) zu befestigen. Im Jahre 1252 ist "Stockholmia" zum ersten Male in einem Dekret von Birger Jarl genannt. Und auf dieser Insel im Mälarsee liegen heute noch das Schloß des Königs, die Ministerien und der Reichstag. Von ihr wird heute nicht nur der Mälarsee, sondern das ganze Land beherrscht. Seit 1436 ist Stockholm die Hauptstadt Schwedens. Nur einmal im Laufe ihrer Geschichte wurde die Stadt erobert, 1520 durch Christian II. von Dänemark. 1523 wurde sie von Gustaf Vasa zurückerobert. Gustaf Vasa war es auch, der die Handelsyorrechte der Hanse abschaffte. Noch heute erinnert die Altstadt Stockholms mit ihren engen Gassen und Giebelhäusern an andere Hansestädte, wie Lübeck oder Danzig.

Das große Wachstum Stockholms aber begann erst nach dem 30jährigen Kriege. Neue Stadtteile wurden gegründet, und in kaum drei Jahrzehnten verfünffachte sich die Zahl der Einwohner. Gemessen an heutigen Verhältnissen war die Stadt immer noch winzig. 1718 zählte sie erst 45 000 Einwohner und kam erst 1856 auf die ersten 100 000. Heute leben in dem eigentlichen Stockholm 750 000 Menschen und in den praktisch dazugehörenden Vorstädten weitere 250 000. Heute ist Stockholm eine moderne Großstadt, deren Straßen nicht mehr für den Verkehr ausreichen, in der es von roten Autobussen, blauen Straßenbahnen, Kraftwagen und Fahrrädern nur so wimmelt und in der einig abgerissen und neu gebaut wird.

Weit hat Stockholm sich ausgebreitet über Festland und Inseln im Norden und Süden. Überall blinken Wasserflächen. Von Plätzen mitten in der Stadt sieht man weit hinaus auf die am anderen Ufer gelegenen Stadtteile. Viele große oder kleine Brücken muß der Stockholmer täglich überqueren, und von jeder hat er einen wunderbaren Blick.

Die Gebäude aber sind nicht selten ernst und streng, fast düster. Flaggen flattern, Möwen schwingen sich, Wasser rauscht und plätschert, helle Dampfer gleiten, Motorboote flitzen, alles blinkt und glitzert in der trockenen, überklaren nordischen Luft. Aber die dunkle, bräunliche Front des Schlosses bleibt ernst und würdig, ernst das Reichstagsgebäude daneben, auch der renovierte Palast des Außenministeriums erhielt eine dunkle Front, das neue Konzerthaus ist düster grau, die modernen Bürohäuser zweckmäßig streng rechteckig. Nur die Kirchen sind heiter und vergnügt mit schrägen kupfergrünen Dächern und Türmen, die golden blinkende Wetterhähne tragen und große Uhren, deren Zifferblätter nachts leuchten. Stockholm bei Nacht ist nicht weniger bezaubernd als bei Tage, denn die spiegelnden Wasserflächen lassen die überreiche Beleuchtung tausendfach bewegt lebendig werden.