Nun aber folgt bei Streller ein Satz, der ihm nichts Revolte gibt, so deshalb weil Ungerechtigkeit und sagen kann: "Weniger den Kultus des Individuums Gewalttat wenigstens teilweise die Bedingung für als den der Person stiftet die Romantik Der Leser die Revolte sind" (einen Satz, der nichts besagt, Die Tätigkeit des Schriftstellers", sagt Jose Ortega, "ist ein Akt dauernder Rebellion gegen die gültige Norm der, Sprache. Das Schreiben verlangt eine gewisse radikale Unerschrockenheit. Nun aber pflegt der Obersetzer eine zur Unterordnung neigende Persönlichkeit zu sein. Aus Schüchternheit hat er eine derartige Beschäftigung gewählt. Er wird also den übersetzten Autor in das Gefängnis der normalen Sprache sperren, das heißt er wird ihn verraten — traduttore, traditore " In diesen Tagen erschien (bei Rowohlt in Hamburg) ein besonders wichtiger großer Essay zur Situation der Gegenwart: "Der Mensch in der Revolte" (Lhomme revolte) von dem französischen Nordafrikaner Albert Camus. In Frankreich wirkt dieses Buch seit einem Jahr als Scheide der Geister. Auch bei uns wird es bestimmt höchst lebhaft diskutiert werden. Ob aber die Diskussion seine ebenso umsichtigen wie kühnen Thesen wirklich in den Blick bekommt? Hier sind gleich jetzt einige Zweifel anzumelden, die sich an die Adresse des Obersetzers Justus Streller wenden müssen.

Camus ist kein Schulphilosoph (wie Sartre), der sich in einer Fachsprache ausdrückt. Er schreibt, wie die großen französischen Moralisten, eine Prosa, die ihren Wortschatz aus der lebendigen Schriftspräche nimmt und dem Leser keine terminologischen Umschaltungen zumutet. Das macht aber das Übersetzen nicht, wie man meinen konnte, leichter, sondern eher schwerer. Denn jetzt kommt es darauf an, daß jeder "kleine Einbruch", jede Nuance, jede winzige Überraschung vom Übersetzer in ihrem Sinne erfaßt wird — eben weil Camus zu jenen Schriftstellern gehört, die Schopenhauer für die Besten hält, weil sie nicht mit ungewöhnlichen Worten Gewöhnliches, sondern mit gewöhnlichen Worten Ungewöhnliches sagen. Hier versagt Strellers Obersetzung an mancher empfindlichen Stelle. Unter "Revolte" versteht Camus jene elementare und spontane Regung, in der der Mensch der Ungerechtigkeit in der Welt inne wird und sich gegen sie auflehnt. Daraus kann eine Auflehnung gegen Gott hervorgehen, die Gott als Schuldigen an der Ungerechtigkeit verwirft. Das ist die "metaphysische Revolte", wie Camus sie nennt Sie spricht aus den "satanischen" Romanen und Dramen der europäischen Romantik. Camus führt als Beispiel einen Romanschriftsteller an, der "nicht zu Bett ging, ohne zu seiner Herzstärkung ein paar inbrünstige Gotteslästerungen auszusprechen", und fährt dann fort: "Die Revolte legt Trauer an und läßt sich auf den Brettern bewundern" — womit er sagen will: der Rebell gegen Gott zeigt dem Publikum seinen Weltschmerz wie ein Schauspieler die Gefühle des Helden zeigt, den er darstellt. Soweit kann der Leser dem übersetzten Text ohne Mühe folgen. müßte den französischen Text einsehen, um zu erkennen, was Camus meint — nämlich: "Viel mehr als den Kultus des Individuums" (den man irrtümlicherweise als Zug der Romantik auffaßt) "stiftet die Romantik den Kultus der Rolle" (personnage). Darin verfährt sie, wie Camus sagt, "durchaus logisch". Denn da die romantische Revolte von Gott nichts mehr hofft und sich dennoch in einer ungerechten, dem Tode ausgelieferten Welt behaupten möchte, sucht sie die Lösung des Zwiespalts "dans lattitude", in der konsequent gespielten Pose des Schmerzes. Streller vermeidet das in diesem Sinn auch deutsch gebräuchliche Wort Attitüde und übersetzt Attitüde wörterbuchgetreu durch Haltung, was ihn zwingt, mit folgendem sinnlosen Satz fortzufahren: "Die Haltung versammelt zu einer ästhetischen Einheit die dem Zufall ausgelieferten und durch die göttlichen Gewalttätigkeiten zerstörten Menschen" — während es bei Camus sinngemäß heißt: "Die konsequent gespielte Pose fügt den Menschen (lhomme), der dem blinden Zufall ausgeliefert und durch die ebenso blinden Gewalten vernichtet ist, zu einer neuen, ästhetischen Einheit zusammen " Ein zweites Beispiel aus dem Abschnitt über Nietzsche. Da Camus eine auch für den mit Nietzsche Vertrauteren neue und gründlich erwägenswerte Nietzsche Deutung vorzutragen hat, kommt es auf jeden Satz an. Was aber soll der Leser gleich zu Anfang von Camus denken, wenn ihm dieser, laut Streller, mitteilt: "Man kann keinen Eindruck von Nietzsche gewinnen — außer, daß er die niedrige und mittelmäßige Grausamkeit mit allen Kräften haßte —, solange man nicht an die erste Stelle in seinem Werk und noch weit vor den Propheten den Kliniker stellt?" Sollte Camus allen Ernstes behaupten wollen, daß man, wenn man in Nietzsche nicht den "Kliniker" sieht, nur den einen einzigen Eindruck bekäme, er habe die "niedrige und mittelmäßige Grausamkeit" gehaßt? Tatsächlich sagt aber der Camussche Text das genaue Gegenteil des Strellerschen, nämlich: "Man kann aus Nietzsche nichts ableiten (tirer) als allenfalls die gemeine und geistlose Grausamkeit, die er mit allen seinen Kräften haßte" (die aber die Nationalsozialisten faktisch aus ihm abgeleitet haben), "solange man nicht an die erste Stelle in seinem Werke, weit vor den Propheten, den praktischen Therapeuten (diniden) stellt " Ein Autor, der so unpräzise schreibt wie der Strellersche Camus an vielen Stellen, muß auch zu sehr unpräzisen Schlußfolgerungen kommen. Er läßt also zum Beispiel aus dem Satz: "Wenn es sdenn Revolte ist ja, wie wir hörten, nichts als die Reaktion auf Ungerechtigkeit und Gewalttat), den zweiten Satz folgern: "Der Mensch kann aber nicht in absoluter Weise danach trachten, überhaupt nicht töten oder lügen zu müssen, ohne daß er auf seine Revolte verzichtet und den Mord und das Übel ein für allemal gelten läßt Wieso das zweite aus dem ersten folgt, ist unmöglich zu begreifen. Es bleibt also nur die Wahl, entweder Camus für einen Schwätzer zu halten oder den französischen Text zu Rate zu ziehen. Hier findet sich alsbald die Lösung. Im ersten Satz sagt nämlich Camus: "Daß es Revolte gibt, kommt daher, daß Lüge, Ungerechtigkeit und Gewalt einen Teil der Lebensbedingungen des Revoltierenden (revolte) ausmachen Und daraus zieht Camus den Schluß: "Er (nämlich der Revoltierende) kann also nicht sich selbst das unbedingte Gebot geben (pretendre absolument), niemals weder zu töten noch zu lügen, ohne daß er auf die Revolte verzichtet und ein für allemal die Tötung und das Böse in der Welt hinnimmt " Canius Aussagen über die Rolle der Kunst im Schicksal der Revolte ergeht es bei Streller nicht besser. Dafür ein letztes Beispiel. Im französischen Original steht der Satz: "Lobjet de lart, malgre le regret des fasticheurs, sest etendu de la psychologie a, la condition de lhomme Bei Streller lautet das: "Das Kunstwerk hat sich, trotz des Bedauerns der Fälscher, von der Psychologie bis zur Seinsstellung des Menschen ausgedehnt Obwohl bei Camus nicht vom Kunstwerk, sondern vom Gegenstand, Thema der Kunst die Rede ist, nicht von der Seinsstellung des Menschen, sondern von der Situa