Seitdem Sir Winston Churchill im englischen Unterhaus das Stichwort Locarno in die Debatte geworfen hat, geistert dieser Begriff durch die öffentliche Diskussion. Um zu seiner Klärung beizutragen, haben wir einen Diplomaten jener Tage gebeten, das Wesen des Locarno-Paktes von 1925 zu erläutern.

Im Dezember 1924 schien die außenpolitische Lage für Deutschland wieder einmal recht kritisch zu werden. Mit der Forderung nach "zusätzlichen Sicherheiten" versuchte Frankreich abermals den Sieg über Deutschland zu verlängern. Es war fraglich, ob Frankreich sein Versprechen einhalten würde, bis zum Sommer das Ruhrgebiet zu räumen. Fest stand bereits, daß es sich weigern würde, die erste Besatzungszone um Köln fristgemäß freizugeben.

Der britische Botschafter in Berlin, Lord D’Abernon, ermunterte Stresemann angesichts dieser Lage, die Initiative zu ergreifen und Frankreich deutscherseits zusätzliche Sicherheitsgarantien anzubieten. Berlin folgte dieser Anregung. "Deutschland könnte sich auch mit einem Pakt einverstanden erklären", hieß es in einem an die französische Regierung gerichteten Memorandum vom 9. Februar 1925, "der den gegenwärtigen Besitzstand am Rhein garantiert..." Durch einen feierlichen Verzicht Deutschlands auf den Wiedererwerb Elsaß-Lothringens und eine Aufgabe aller französischen Ambitionen, das Rheinland abzutrennen und das Ruhrgebiet zu beherrschen, sollten befriedete Grenzen in Westeuropa geschaffen werden. An einer Änderung des status quo am Rhein konnte auch Großbritannien und Italien nicht gelegen sein. Ihre Rolle als Garanten entsprach also ihren Interessen, besonders denen Englands, wenn die belgischen Grenzen einbezogen und die Kanalhäfen dadurch gesichert würden. In idealer Weise konnte durch ein solches System der ewige Wunsch Großbritanniens verwirklicht werden, das europäische Gleichgewicht zu erhalten, ohne das Risiko von Koalitionen eingehen zu müssen.

Schwierigkeiten bereitete denn auch nicht das Hauptstück des neuen europäischen Sicherheitssystems, der "Rheinpakt", der so wie er schließlich auf der Locarno-Konferenz am 15. Oktober 1925 geschlossen wurde, im wesentlichen den deutschen Anregungen entsprach. Meinungsverschiedenheiten bestanden dagegen über das Verhältnis zu den Oststaaten. Frankreich verlangte, daß Deutschland auch ein "Ost-Locarno" eingehe, daß es sich zur förmlichen Anerkennung des in Versailles geschaffenen Besitzstandes auch gegenüber seinen östlichen Nachbarn, vor allem gegenüber Polen, verpflichte und daß zum mindesten Frankreich als Garant dieser Verpflichtung zugelassen werde. Die deutsche Regierung war wohl bereit, auf eine gewaltsame Änderung der Ostgrenzen, nicht aber auf friedliche Revision zu verzichten. Die Schafung befriedeter Grenzen im Osten nach dem Muster Westeuropas hing davon ab, ob man sich er eine vernünftige Revision der allzu gewaltsam errichteten Grenzen in Osteuropa würde verständigen können. Für eine friedliche Revision wären aber die östlichen Kriegsgewinnler des ersten Weltkrieges vorerst nicht zu haben. Wie im Westen mußte die Grenzbefriedung logischerweise jedoch die Voraussetzung für ein Locarno des Ostens sein, wollte man das Pferd nicht am Schwanz aufzäumen. Von Deutschland war darüber hinaus angesichts der allgemeinen Ungeklärtheit der östlichen Grenzfragen, auch soweit sie nicht Deutschland betrafen, und der militärischen Entwaffnung des Reiches nicht zu erwarten, daß es sich in einen etwaigen Sanktionskrieg des Völkerbundes gegen den anderen großen Verlierer des ersten Weltkrieges, Rußland, ohne weiteres einbeziehen lassen werde.

In beiden Fragen wurden in Locarno Kompromisse erzielt. Frankreich wurde zugestanden, es dürfe seine Beistandszusagen gegenüber Polen und der Tschechoslowakei für den Fall erneuern, daß Deutschland entgegen seinen Verpflichtungen eine gewaltsame Revision seiner Ostgrenzen versuchen sollte. Deutschland erreichte die ausdrückliche Bestätigung seiner Vertragspartner, daß es nach dem vorgesehenen Eintritt in den Völkerbund nur insoweit an Sanktionen gegen einen Angreifer teilzunehmen habe, als dies mit seiner militärischen Lage zu vereinbaren sei und seiner geographischen Lage Rechnung trage. Hierauf beruhte der im April 1926 zwischen Deutschland und der Sowjetunion abgeschlossene Berliner Neutralitätsvertrag.

Briand hat bald nach der viel glossierten Lago-Maggiore-Fahrt der Locarno-Staatsmänner auf dem Motorboot "Orangenblüte" davon gesprochen, der Vertrag werde leere Geste bleiben, wenn er nicht "einem neuen Geist entspreche", dem "Anfang einer Epoche des Vertrauens und der Zusammenarbeit ..." "Von Locarno muß ein neues Europa anheben", hatte er ausgerufen. Sicherheitsverträge schaffen noch keine Sicherheit. Nur der viel zitierte "Geist von Locarno" hätte dem Vertragswerk zu einem Erfolg verhelfen können. Seine Verwirklichung hätte erfordert, daß als Synthese von Befriedung und Gleichgewicht in Westeuropa ein europäischer Zusammenschluß erwachsen wäre. Auf die Sicherheitsfunktion beschränkt, mußte Lodarno scheitern, zumal gegenüber einer totalitären Macht, deren Natur Befriedung und Gleichgewichtsprinzip gleichermaßen fremd sind. E.