ES entspricht wohl ihrer inneren Haltung, daß die deutsche Werbewirtschaft für ihre Kundgebung sich das elegante kleine Haus in Wiesbaden ausgesucht hat. Das keine Rücksicht auf Schönheit und Sitte nehmende sture Einhämmern eines Reklametextes ist offenbar weitgehend überwunden. Auch die werbende Wirtschaft ist heute "vergeistigt". Sie wählt elegantere Methoden der Menschenbeeinflussung, denn sie hat erkannt, daß es ganz wesentlich auf die Bereitschaft der Menschen ankommt, sich von ihr ansprechen zu lassen. Das schließt jedoch nicht aus, daß das Instrument, auf dem die Werbewirtschaft spielt, technisch in" Ordnung sein muß.

Zum Erfolg gehört beides, sowohl ein feines psychologisches Einfühlungsvermögen als- auch, nicht minder, eine umfassende und durchgebildete Organisation, Es war nicht uninteressant, daß der Präsident des ZAW, Dr. Tigges, einige Worte für die sachlichen Arbeiten des Werberates der deutschen Wirtschaft gefunden hat, die gewisse Ansatzpunkte für die heutigen Arbeiten des ZAW bieten. Zu- den bedeutungsvollsten organisatorischen Leistungen des ZAW gehört die Schaffung der (unabhängigen) Informationsstelle zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern, durch die dem Auflageschwindel ein Riegel vorgeschoben wurde. Wenig begeistert ist natürlich die Werbewirtschaft von der vom Wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums vorgeschlagenen Reklamesteuer von 20 v. H auf die Werbeumsätze. Offenbar liegt diesen Vorschlägen (die wir demnächst noch in einer ausführlichen kritischen Betrachtung behandeln werden) die Vorstellung zugrunde, daß Werbung und "Reklame" eine Zeiterscheinung darstellen, die im Grunde der Marktwirtschaft nicht adäquat sei und deshalb eigentlich entbehrt werden könne. Es ist daher sicherlich von der Werbewirtschaft dankbar aufgenommen worden, daß Prof. MüllerArmack vom Bundeswirtschaftsministerium die Gelegenheit wahrgenommen hat, um vor dem ZAW inige kluge Ausführungen darüber zu machen, i!aß freie Marktwirtschaft und Werbung sich gegencitig bedingen, da nur durch Werbung große Märkte geschaffen werden können.

Auf weniger Verständnis ist allerdings MüilerArrnack gestoßen, als sich seine Gedanken von der heorie lösten und in die praktische Wirtschaftsolitik überglitten. Der theoretische Ausgangspunkt ar auch hier noch unangreifbar: nämlich, daß die [ktsdiaftspolitik heute auf eine Expansion geachtet sein muß —, da sonst die großen, uns beiwerenden Probleme der Hcimatvertriebcnen und er Verteidigung- nicht gelöst werden können — id daß deshalb pari passu mit der Förderung der nvestitionstätigkeit auch die Ausweitung der Märkte betrieben werden müsse. Hierfür will Müller- Armack — und damit verließ er den vertrauten Bereich derGelehrtenstube, um nun auf das glatte frkett des Bundeswirtschaftsministerium überzu Achseln — "Kredit und Werbung" einsetzen. Er : den Verbrauch durch Bevorschussung finanzien und ihn dabei in bestimmte "förderungs wür.f" Richtungen leiten, wobei er als Beispiel auf " we bekannten Vorschläge (Abzahlungsgeschäfte j Kühlschränke!) verwies. Mit diesen Vorschlä; M aber mußte Müller Armack — genau so wie vor Äiger Zeit mit dem von ihm propagierten Güteichen — auf die Bedenken der Werbung treibenen Wirtschaft stoßen, da sich nun einmal Werben id Lenken kaum vereinbaren läßt. Dr. Tigges agierte denn auch sehr schnell und wies darauf , rj, daß von dem gesamten, dem Konsum dienen;n deutschen Einkommen nur etwa 5 v. H für ien frei wählbaren Verbrauch in Frage kommen, rn diesen relativ kleinen Teil nun raufe sich die erbung treibende Wirtschaft. Durch eine planäßig gesteuerte "zusätzliche" Konsumfinanzierung er werde dieser Raum blockiert, so daß für eine ;ie Konsumwahl und damit für Werbung dann cht mehr viel übrigbleiben würde. Rgl.