Das ist sicher der 199. Film, der Paris besingt, und nicht der erste, der den Quatorze Juillet, Frankreichs Nationalfeiertag, im Pariser Milieu schildert. Aber dieser Film von Julien Duvivier "Auf den Straßen von Paris" (La Fête de Henriette", in Paris vor einem halben Jahr uraufgeführt und jetzt in der Bundesrepublik, Esplanade-Theater in Hamburg) ist nach seinen düsteren dramatisierten Beobachtungen in dem sehr erfolgreichen Film "Unter dem Himmel von Paris" eine heitere, besonders liebenswürdige Verherrlichung der Stadt.

Es ist auch nicht der erste Film, bei dem Autor und Regisseur zu dem Kunstkniff greifen, die Entstehung eines Filmes und dazu in zwei Fassungen zu zeigen. Schon manchmal ist daraus eine Selbstbeweihräucherung geworden, und wieviel Objektivität gehört dazu und wer in der durch Publikumsgunst eitlen Atmosphäre des Films bringt sie auf, die eigene Arbeit zu kritisieren. Man hätte sich zudem wohl gewünscht, Duvivier hätte sich auch diesmal, wie zuletzt in "Don Camillo und Peppone" einem interessanteren und allgemeingültigeren Stoff zugekehrt. Jedoch, da er zwei Drehbuchautoren auftreten läßt, einen Kitschier und einen wohltemperierten soliden Handwerker, die ein Drehbuch zusammenbrauen, wird eine sanft-kritische Studie des Kintopps daraus: Schüsse, nackte Mädchen, Verbrecherjagden durch überdimensionale Kinopaläste, vorbei an gewaltig-dröhnenden Orgelpfeifen, über unvermeidliche Dächer und, nicht zu vergessen, unzählbare Treppenstufen hinauf, geheimnisvolle Märchenschlösser, süße Liebe und verworfene – alles ist zu sehen.

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Zugleich sind die Filmleute karikiert: die in rüdem Jargon miteinander umgehenden Drehbuchautoren, die sich von Freundinnen inspirieren und von der strickenden Sekretärin Pointen liefern lassen (am Tag, in der Nacht, auf dem Spaziergang, im Bett, beim Friseur). Das Publikum amüsiert sie. und glaubt nun besser Bescheid zu wissen, woher der ganze Filmkitsch kommt, denn diese Filmgestalten scheinen glaubhaft nach gewissen Vorbildern gemacht. Dazu erhält das Publikum eine witzige Unterweisung in allen Möglichkeiten der Kameraeinstellung: Bei den wild-wuchernden Phantasien des Kitschiers photographiert Roger Hubert in den betrunkensten Schrägen und in wirbelndem Wechsel. Daneben erscheinen in bezaubernden und harmonischen Einstellungen Sie Boulevards und Plätze von Paris mit Musickapellen und glücklich tanzenden Paaren. Raffinierte Bildvariationen haben die doppelten Passagen, wenn die Fassung des Kitschiers und des bremsenden zweiten Autors, der das Schlimmste verhüten will, hintereinander abrollen, so die ironische Episode von der Zirkusreiterin, die die Photos ihrer Liebhaber ins Album klebt, um ihr Gedächtnis zu stützen. Hildegard Neff (Knef), ausgezogener als Eva, wie eine Pariser Zeitung schrieb, ist in dieser Rolle von entschlossener Vollkommenheit.

Zart und sanft taucht in dem anrüchigen Filmtrubel immer wieder die Geschichte von der kleinen Pariserin Henriette (Dany Robin) auf, die an diesem 14. Juli, zugleich ihrem Namenstag und Fest der Schutzheiligen aller Midinetten, bei ihren gesunden guten Anlagen allen Versuchungen widersteht und nur ihr kleines bißchen Glück mit ihrem nicht gerade vielversprechenden, aber forschen netten Magazin-Photoreporter erhaschen will. Michel Auclair als einer der bösen Versucher spielt die Filmrolle eines charmanten Diebes mit ergötzender schauspielerischer Souveränität.

Das Liebespaar findet sich trotz vielschichtiger Verwirrungen, und das Publikum wird mit Duvivierschem Esprit in einer meisterhaften Bildersprache und musikalischer Pointierung unterhalten. Doch ein wenig Melancholie bleibt zurück über den vertanen Aufwand eines Meisterregisseurs und seiner Mitarbeiter für ein allzu harmloses und abgenutztes Thema. Erika Müller