Am Ende von Simone de Beauvoirs erstem, 1939 begonnenem Buch, dem Roman "L’Invitée", jetzt als letzte ihrer Arbeiten unter dem Titel Sie kam und blieb bei Rowohlt, Hamburg, erschienen (523 Seiten, Leinen) steht der Ausbruch des zweiten Weltkrieges. An seinem Anfang steht, wie immer bei Simone de Beauvoir, die Gedankenwelt Jean-Paul Sartres. Gleich den tricoteuses der großen Revolution, die in geheimnisvollen Maschenzeichen die Namen der zum Tode Bestimmten in harmlos wirkende Muster hineinstrickten, webte die grande Sartreuse Chiffren des Existentialismus in den Handlungsverlauf ihres Romans. Sie nahm einer Gruppe französischer Intellektueller Lebendmasken ab und paßte sie dann, nachdem sie zur gedanklichen Form erstarrt waren, zum Beweise dessen, daß Gedanke und Leben übereinstimmen, denselben Gesichtern wiederum auf. Und siehe da: die Formen fügen sich genau ineinander.

Der Roman hat drei Hauptfiguren: das Paar Pierre und Françoise und, als die Unbekannte X, dat Mädchen Xavière. Françoise ist die Frau, die unter dem Gesetz ihres Intellekts steht. Indem sie Xavière – "L’Invitée’’ – aufnimmt, läßt sie sich auf das Abenteuer ein, das Unkontrollierbare, das Triebhafte, das Unbewußte zu Gaste zu bitten. Der klare Verstand nimmt den Kampf mit den Mächten der Dunkelheit auf, scheint alles (in Gestalt des geliebten Pierre) zu verlieren, um schließlich, als Xavière ihre Schwäche entdeckt, "sich selbst zu wählen" und die andere zu töten. "Ein Bewußtsein vernichten. Wie kann ich das? dachte Françoise. Aber wie war es möglich, daß ein Bewußtsein existierte, das nicht ihr, eigenes war? Dann existierte sie selbst eben nicht. Sie wiederholte ,sie oder ich‘ und drückte den Hebel des Gashahns herab." Wie Siegfried in Drachenblut gebadet, scheint sie nun unverwundbar gevorden zu sein.

Ähnlich wie die Verdammten in Sartres Huis Clos sind die Figuren dieses Romans unausweichlich zusammengesperrt. Sie sind "zur Freiheit verurteilt". Denn die Verdammnis, von der Sartre spricht, ist ja die Freiheit, das Nichts schon diesseits anzutreffen. Jeder von uns lebe seine einsame Existenz inmitten von Nichts, meinen sie. Nur fragt sich, ob wir uns nicht zur Rettung von dieser Erkenntnis der Hilfe der Existentialisten selbst bedienen sollten und uns sagen, daß für niemand existiert, was nicht in seinem Bewußtsein ist – also auch nicht das Nichts. Ein Versuch allerdings, der mißlingen kann, denn die Überzeugungskraft des Nichts ist groß, und ihr wirklich zu begegnen, nur der Religion möglich. Ruth Herrmann