In der Woche vor dem Pfingstfest wurden die Aktienwerte weiterhin vernachlässigt; erst zum Wochenschluß stellten sich einige Erholungen ein, die jedoch nicht ausreichten, um die vorhergegangenen Verluste völlig auszugleichen. Unter der Vernachlässigung hatten vor allem die Montane zu leiden sei denen sich die in Börsenkreisen nicht befriedigt aufgenommene Rheinstahl-Erklärung über den Vermögensstatus des Unternehmens nachteilig ausgewirkt hat. Aus dieser Erklärung glaubt man entnehmen zu können, daß bei Rheinstahl nur noch eine Umstellung des Grundkapitals von 1:1 in Frage kommt. Diesen Vermutungen Rechnung tragend, wurde der Kurs von Rheinstahl von 127 auf 119 v. H. heruntergesetzt. Es ist sicherlich heute noch zu früh, sich präzise auf eine Umstellungsquote festzulegen, denn die endgültige Kapitalfestsetzung hängt von der noch ausstehenden Umstellung einiger namhafter Beteiligungen ab (Ver. Stahlwerke usw.). Immerhin hat die Rheinische Stahlwerke AG in der Umstellung einen weiteren Spielraum als die anderen Unternehmen der Eisen- und Stahlindustrie, da sie nicht gezwungen ist, alle Reserven offenzulegen. Sie wird – wie angekündigt – von der Möglichkeit der Bildung "angemessener Rücklagen Gebrauch machen, am eine stetige Dividendenzahlung zu sichern. Natürlich geht eine Reservenbildung auf Kosten des Umstellungsverhältnisses. Diese Tatsache ist es vermutlich, die in Börsenkreisen einige Verärgerung hervorgerufen hat, so daß die Frage aufgeworfen wurde, ob angesichts der reformierten Beteiligungsverhältnisse die Rheinstahl-Muttergesellschaft noch eine Existenzberechtigung hat. Damit wird ein Problem angeschnitten, über das in absehbarer Zeit gar nicht entschieden werden kann? denn zunächst müssen einmal die zahlreichen Umgruppierungen innerhalb der Gesellschaft tatsächlich vonstatten gegangen sein – und das kann theoretisch noch fünf Jahre dauern. Im übrigen wäre es falsch, auf Grund einer vorübergehenden Verärgerung dem Montanmarkt den Rücken zu wenden. In den heutigen Montankursen dürften alle etwa noch entretenden Risiken eskompiert sein.

IG-Farben (effektive Stücke) gaben bei mäßigen Umsätzen um rund 2 Punkte auf 85 1/2 v. H. nach, der tiefste Wochenstand lag bei 84 3/4v. H. – Bei den Elektrowerten erlitten Siemens St. einen ähnlichen Verlust, während sich AEG einigermaßen zu behaupten vermochten. – Großbanken verzeichneten täglich größere Umsätze, wobei sich die Kurse immer nahe am bisherigen Höchststand bewegten. – Auf dem Schiffahrtsaktienmarkt bot die Abfindung der freien Aktionäre der Hamburg-Süd einigen Gesprächsstoff. Die Abfindungsquote beträgt 28 DM je 100 RM Aktienbesitz. Daneben wird ein Besserungsschein gewährt für den Fall, daß die Reederei Entschädigungen für die Kriegs- und Nachkriegsschäden erhalten sollte. Wer darauf verzichtet, bekommt für die Zeit vom 1. 1. 1951 bis 30. 6. 1953 eine Verzinsung von 9 v. H., d. h. von 6,30 DM. Die Mehrheit der freien Aktionäre dürfte sich für die zweite Möglichkeit entscheiden. Wenn man an der Hanseatischen Wertpapierbörse diese Regelung als annehmen ansieht, dann sind dafür in erster Linie zwei Gesichtspunkte entscheidend. Einmal hält die Abfindungsquote einen Vergleich zu den gegenwärtigen Aktienkurse der beiden anderen Großreedereien (Hapag 29 1/2, Lloyd 27 v. H.) durchaus stand, und zum anderen bleibt den Aktionären, die der Schiffahrt treu bleiben wollen, die Möglichkeit, ihre Papiere gegen die einer ähnlich angesehenen Reederei (Hansa-Dampf) ohne großen Zuschlag umzutauschen. Das jetzt bekanntgegebene Neubauprogramm der Hamburg-Südamerikanischen Dampfschifffahrtsgesellschaft (4 Motorfrachtschiffe zu je 10 000 t Tragfähigkeit) – übrigens ohne Passagiereinrichtung – läßt einige Rückschlüsse über die Finanzkraft der Kommanditisten (Oetker, Hamburger Vereinsbank usw.) zu. Der Name Oetker fällt auch im Zusammenhang von Anrondierungskäufen bei der Kieler Brauerei "Zur Eiche", die ihren Kurs weiter auf 55 v. H. verbessern konnte

Am Markt für Lokal-und Spezialpapiere fand die Spekulation ein weites Feld. In nächster Zeit muß die überwiegende Mehrzahl der Aktiengesellschaften ihre Bilanzen für 1952 vorlegen – und es wird dann vermutlich angenehme und enttäuschte Überraschungen über die Dividendenhöhe geben. Eigentlich besteht jetzt kein stichhaltiger Grund mehr für eine verspätete Vorlage der Bilanzen. Deswegen tun die Aktionäre gut, daran, sich einmal die Satzungen auf diesen Punkt hin durchzusehen.

Am Rentenmarkt rächt sich das überlange Festhalten an den Zwangsbestimmungen. Es ist doch ein Kuriosum, daß Pfandbriefinstitute die letzte Serie ihrer Pfandbriefe noch zu 98 v. H. anbieten und den Kurs aller vorher ausgegebenen Emissionen bereits auf 93 v. H. heruntergesetzt haben. Sicher ist die Herabsetzung durch die Vorgänge am Markt der festverzinslichen Papiere zwingend notwendig geworden, doch bleibt für denjenigen ein unangenehmer Nachgeschmack, der im Vertrauen auf den 98er-Kurs seinerzeit Stücke erworben hat und sie jetzt zum Teil entwertet sieht. Die Schuld liegt hier nicht bei den Realkreditinstituten, sie liegt bei den Instanzen, die den Kapitalmarkt viel zu lange in Fesseln hielten (und noch halten), ohne sich über die verheerenden Folgen solcher Zwangswirtschaft im klaren zu sein. Es fehlt an der Börse der 8prozentige Pfandbrief, dessen Zinsen über die Einkommensteuer des einzelnen erfaßt werden (ähnlich wie bei den Bayern-Schätzen). Das wäre das Papier des "kleinen Mannes", dem die steuerlich erheblich vergünstigten Staatsanleihen wenig bieten, da er kaum in den vollen Genuß dieser Steuervergünstigungen kommen kann. –ndt