Zur Zeit des herrlichsten Pariser Frühlings, des blühenden Flieders und der glückspendenden Maiglöckchen schlug eine Aufführung alle Besucherrekorde der Spielzeit: Büchners "Dantons Tod" im "Palais de Chaillot" und den Arbeitervororten in der Inszenierung Jean Vilars. Von Szene zu Szene, von Bild zu Bild wuchsen die Applauswellen, und schon mußte die Aufführungsserie programmwidrig verlängert werden.

Die Vorgeschichte dieser Aufführung gleicht einer stürmischen Schlacht der Politiker, der Literaten, der Ästheten, Überspitzt national Gesonnene unter ihnen bedrohten den wagemutigen Regisseur und Leiter des Pariser "Nationalen Volkstheaters" mit dem sofortigen Entzug der Subvention und wollten den zuständigen Minister bestimmen, die Mißachtung nationaler Traditionen mit der schleunigen Entfernung des gefährlichen Revolutionärs Vilar von seinem einflußreichen Direktionsposten zu strafen. Es gebe genügend französische Dantondramen, die die große Wende in der Geschichte Europas spiegeln. Aber hätten Romain Rolland und Saint-George de Bouhélier, zwei namhafte Franzosen unseres Jahrhunderts, diesen stürmischen Erfolg Büchners erreicht?

Jean Vilar, der für sein "Volkstheater" auf Dichtungen mit aktueller Zeitnähe versessen ist, zeigte sich unnachgiebig. Er war seiner Sache sicher. Er hatte in dem jungen Dramatiker Arthur Adamow, dessen eigene Dramen unverkennbar den Stempel Büchners tragen, einen Übersetzer gefunden, der Rhythmus und logischen Reiz in die Sprache und in die Atmosphäre von Mondschein, Todesahnung und Grabeshauch brachte, wie der Franzose die Romantik sieht und wünscht. Vilar unterstreicht die rhythmische Diktion aus der Gewöhnung an die Akustik seiner weiten Räume, allerdings auf Kosten des revolutionären Elans. Aber das Pariser Publikum – hauptsächlich die Jugend – ist hell begeistert. Es folgt den Revolutionsgesängen mit Behagen. Die geschichtlichen Akteure sind ihm vertraut, und es ergötzt sich an der Revolutionszeiten eigenen pathetischen Bilderrhetorik, die Büchner wörtlich übernahm, an den Zoten und Zynismen und an den aufpeitschend rasch, blitzlichtartig beschienenen Bildern, dem Spiel buntfarbiger Kostüme mit dem Vorherrschen der Nationalfarben, von starken Lichtkegeln vor schlicht dunklem oder leuchtend blauem Hintergrund wirksam zur Geltung gebracht. Mit genialen Einfällen löst Vilar die szenischen Übergänge auf seiner vorhanglosen Bühne, teils durch musikalische Untermalung, teils durch pantomimische Überbrückung, oft nur in einem reflektierenden Innehalten der Hauptperson, das ein Fingerschnalzen löst, zu neuem Entschluß, zum Abgang, zur nächsten Bilderfolge. In diesem ungeheuerlichen Revolutionsmechanismus, der die eigenen Schöpfer verschlingt, steht ein stimmstarker, stiernackiger Danton, Daniel Ivernel, der sich als erstes Opfer der entfesselten, nicht aufzuhaltenden Naturgewalt ergibt, ein schlanker, pedantisch korrekter Robespierre, Jean Vilar selbst, und als dritter in dieser theatralischen Optik Saint-Just, der wendige, eifernde Michel Bouquet, mit einem vergnügungssüchtigen, sensationslüsternen und gedankenlos sich tummelnden und tanzenden Volk von Paris als Untergrund.

Vielleicht wird nun auch Büchners "Woyzzeck" in Paris ein besseres Echo finden als 1946. Damals spielte eine junge Truppe nach der textgetreuen Übersetzung von Bernhard Greethuysen. Aber die Kritiker schmähten den (eben gestorbenen) Übersetzer, er habe aus dem "Romantiker" Büchner von 1835 einen Expressionisten von 1930 gemacht! So wenig war ihnen bekannt, daß die deutschen Expressionisten (Toller, Georg Kaiser) bei Büchner in die Lehre gegangen sind.

Es ist nicht uninteressant, daß zur selben Zeit dieses Pariser Dantonerfolges in der Übertragung Adamows eine wissenschaftlich fundierte, ausgezeichnete Studie über Büchners Danton und seine Quellen mit einer Dantonübertragung erschien – in den "Preises Universitaires" aus der Feder Richard Thiebergers, des Übersetzers und Bearbeiters des in Paris noch immer nicht erschöpften Erfolges von Hochwälders "Heiligem Experiment" (Surla Terre comme an Ciel). Und es ist nicht minder interessant, daß alle: Adamow, Thieberger und Büchner, das Schicksal der Emigration erlitten.

Paul Ellmar