Von Karl N. Nicolaus

Wer würde leugnen, daß es dem Leben an Komik fehlt? Und da ist neuerdings noch eine besondere Sorte von Komik, die, weil sie Importware ist, mit dem Buchstaben C geschrieben wird und uns als "Comic Strips" überall entgegentritt. Damit wir’s nicht verwechseln –: Humor ist das nicht. Humor hat Gemüt. Komik aber ist laut wissenschaftlicher Definition "eine Situation, die auf Grund eines Gegensatzes zwischen Anspruch und Sein entsteht und durch augenfällige Kontrastwirkung Heiterkeit und Lachen auslöst." Und nun wollen wir auch gleich ein neues, neutrales, nämlich ein Schweizer Konversationslexikon über die Comic-Strips hören: "Amerikanische Bezeichnung einer weitverbreiteten Buch- und Magazin-Literatur für die Jugend. Drastisch gezeichnete, auf Situationsspannung berechnete Bildergeschichten, in denen das Wort zu rudimentärem Begleittext degradiert ist. Nur anfänglich humoristisch (Name), dann auch belehrenden Inhalts, aber meist Kriminal- und Abenteuergeschichten. Das Problem liegt weniger in der noch vorhandenen Vulgarität der Produkte, deren unbegrenzter stofflicher Gehalt und deren Form der Darbietung verbessert werden können, als in der Entfremdung der Jugend vom Geist des Wortes."

Die "Comics" treten – wie schon angedeutet – als Comic-Strips in Erscheinung: als Folge von Zeichnungen in Zeitungen und Zeitschriften, aber auch als Comic-Books; ein ganzes Heft besteht dann aus gezeichneten Stories im Sinne dieser Gattung. Es gibt Comic-Strips, die in sich geschlossen sind, und andere, deren Abenteuer über viele Fortsetzungen laufen. Bei alledem wäre es töricht, wenn man nicht sehen wollte, daß die Strips eine Weltmacht geworden sind, daß sie (gegen die Einsicht und Ansicht der vernünftigen Leute) sich unaufhörlich ausbreiten, nicht nur bei Kindern und "Halbstarken". Ich sah vor einiger Zeit mit eigenen Augen, wie sich ein hochgebildeter Mann, ein Minister a. D., auf eine Zeitung stürzte, die ihm ins Zimmer gebracht wurde. Die politischen Sensationen würdigte er keines Blickes, auch den reichen Kulturteil nicht! Aber was Cisco – eine Cowboy-Strip-Figur – nun wieder pexierte, interessierte ihn glühend. Er muß mein Erstaunen bemerkt haben, denn er sagte: "Ich finde Cisco großartig!" Dieser gebildete Mann steht mit seiner Meinung nicht allein. Dies zur geistigen Situation ...

Was das Schweizer Konversations-Lexikon mit "Degradierung des Wortes zu rudimentärem Begleittext" bezeichnete, ist zunächst das auffallend: Kennzeichen dieser Strips. Sie nötigen dem Betrachter, der ihnen erstmalig begegnet, den Ausruf: "Entsetzlich!" ab. Entsetzlich, daß den mehr oder minder flott gezeichneten Typen vom Schlage Ciscos simple Sätze wie Blasen aus den Mündern quellen!

Nun zur ökonomischen Seite der Sache: Vor mir liegt die Sonntagsausgabe einer großen amerikanischen Provinzzeitung, die 16 große Seiten volle: Strips in Buntdruck enthält. Der Titel dieser bunten Beilage ist einfach "Comics". Die Fülle der knallbunten Figuren ist verwirrend; überall quellen Sätze auf, die in Blasen eingeschlossen sind; diese Blasen hinwiederum hängen den Leuten aus des Mündern, aus den Stirnen oder sonstwo heraus. 223 bunte Einzelzeichnungen enthält die Beilage.

Der englische Autor George Mikes erzählt vor. einer Amerikareise, daß die Zeitungshändler drüben bei den Sonntagsausgaben diese bunte Strip-Beilage außen um die Zeitung legen und sie dann feilbieten. Als Mikes zu einem amerikanischen Zeitungsverkäufer sagte, daß in England die Zeitungen solche "Comic-Seiten" nicht hätten, fragte der Amerikaner erstaunt: "Wie können dann die Händler in England auch nur ein einziges Exemplar verkaufen?"

Nun etwas zur internen Technik der Strips. – Wenn man als Strip-Betrachter überhaupt begreifen will, worum es sich handelt, muß man das sofort Assoziationen auslösende Lesen des erwachsenen gebildeten Mittel-Europäers abtun. Die Phantasie des vorherrschenden Menschentyps von morgen erschöpft sich danach völlig in den technischen Gebilden und "Wunderdingen", die er vollbringt oder bedient. Er studiert die Welt, wie einst die Kinder die Abziehbilder studierten. Man kann es auch anders deuten: die populärste Form schriftlicher Aufzeichnungen wird die technische Zeichnung. Man kann die Strips durchaus als "technische Zeichnungen" von Abenteuern und Verbrechen, von Familiensituationen und anderem "Geschehen" ansehen.