Ein neuer Werner Egk

München, im Mai

Innerhalb von vierzehn Tagen hat man in München zwei Ballette uraufgeführt, zuerst im Staatlichen Theater am Gärtnerplatz Jean Cocteaus Legende "Die Dame und das Einhorn ein von patriotischem Sentiment inspiriertes Genoveven-Stück nach einer mittelalterlichen Tapisserie zu alten Chansons und Tanzformen aus dem 15. und 16. Jahrhundert. Das war ein zwar nicht von sentimentalischen Stimmungen freies, aber im ballettistischen Stil reines und liebenswertes Spiel, dem ein diskreter Feminismus wohl ansteht. Als Solisten tanzten Genevieve Lespagnol und Boris Trailine (beide Ballet de Monte Carlo) und die siebzehnjährige Veronika Mlakar, diese als das keusche Fabeltier von schöner Einfachheit. Jean Cocteau, sein eigener wirkungsvoller Bühnenbildner und Costumier, und der Choreograph Heinz Rosen überzeugten ein illustres internationales Premierenpublikum.

In der Staatsoper (Prinzregenten-Theater) ist ein Abend mit Werner Egks neuestem und seinem ersten Ballett – "Joan von Zarissa" – herausgekommen. "Die Chinesische Nachtigall", nach dem Märchen des Hans Christian Andersen, das auch Strawinskij für seine Oper "Rossignol" als Sujet diente, hat Egk im Auftrag der Gesellschaft Deutsches Museum komponiert. Beim 50-Jahr-Jubiläum des Deutschen Museums wurde das Ballett vor geladenen Gästen zum ersten Male gezeigt. Jetzt ist es vor aller Öffentlichkeit da-capo-"uraufgeführt" werden.

Die Fabel, wie Egk sie anfaßt, gibt ein buntverspieltes Ballett, das die Bildkraft des Märchens stark suggeriert, aber den sonst als Erz-Dämoniker bekannten Komponisten von einer ungewohnt vordergründigen Seite zeigt. Doch auch so ist vom Sujet wie von der Komposition her das Bestmögliche vorgegeben. Egk weiß illustrierende und charakterisierende Elemente geschickt anzuwenden und mit raffinierter Instrumentationspalette zu faszinieren. Das exotisch-skurrile Märchen, sehr im Filmstil der Walt Disney und William Snyder in Szene gesetzt, hat im Mittelpunkt einen Kind-Kaiser im Lande China-Nirgendwo. Der Knabe wünscht sich, als er von ihrer Existenz erfährt, die Nachtigall. Drei Mandarine, groteske Gestalten à la Ping Pang Pong, gehen in den Märchenwald, wo der gemütliche Mond aus einer Luftgondel herabgekommen ist und wo sie vor einem verliebten pas de trois der Frösche Angst vor der eigenen Courage bekommen. (Solche kleinen Szenen gibt es in großer Fülle.) Die Nachtigall wird vor den kaiserlichen Knaben gebracht, sie singt ihm ihr schönstes Lied. Der Hof-Mechanikus führt nun seine künstliche Nachtigall vor – und dazu dreht Egk allen Tschindarassa einer turbulenten Karussellmusik auf mit kräftig karikierendem Einschuß. Das Artifizielle des Bühnenvorgangs in der Szene der mechanischen Nachtigall geht von der Musik in die Choreographie ein. Freilich ist dies fast die einzige Passage, wo die Choreographin und Regisseurin Tatjana Gsovsky sich von der Musik inspirieren läßt. Frau Gsovsky besorgte eine reißerische, knallige, von Film- und Revue-Gags überladene Einrichtung (Bühnenbild Helmut Jürgens, Kostüme Rosemarie Jakameit) und vernachlässigte darüber die tänzerische Charakteristik. Die natürliche Nachtigall tanzt Patricia Miller (vom Sadler’s Wells Theatre Ballet). Doch die Choreographie handicapt diese wunderbare Ballerina zugunsten der künstlichen Nachtigall, welche Natascha Trofimowa tanzt. Daß die Gestalt des Kaisers als gelangweilter Knabe auf die Bühne kommt, gibt dem Märchen eine merkwürdige Skurrilität. Ein Gondelluftballon, dem ein rollschuhfahrender Postillon entsteigt, ist eine der bezeichnenden Raffinessen, über die man geteilter Meinung sein kann.

Im ganzen wurde das neue Opus Egks mit freundlichstem Beifall quittiert.

Otto Friedrich Regner