Von Leo Nitschmann

Die Familie als "Urzelle der abendländischen Ordnung": das ist die beliebte Formel. Aber wird die Familie nicht in unzähligen Fällen als Erpressung erlebt, die den einzelnen hindert, das zu werden, was er ist? "Was täte man mit so viel Liebe, was täte man mit aller Liebe, mit aller Zärtlichkeit und aller Arbeit der Welt, wenn es nicht all die Familien der Welt gäbe, die sich daran sättigen und die nötigenfalls daran bersten! Wahrscheinlich ist es so: die Familie ist ein Ungeheuer, erfunden, alles Übermaß an Liebe auf der Welt zu verschlingen." Diese Gegenformel prägt der Ich-Erzähler des zehnbändigen autobiographischen Romans, den Georg Duhamel – Arzt und Generalsekretär der Academie

Française – unter dem Titel Die Chronik der Pasquier zwischen 1932 und 1945 in Frankreich hat erscheinen lassen. Die ersten drei Teile dieser umfangreichen retrospektiven Autobiographie liegen jetzt unter dem Titel Über die Treppen von Paris (übertragen von Ernst Sander und Hety Benninghoff, Port Verlag, Stuttgart) auch für den deutschen Leser vor. Duhamels Kindheit steht unter den Vorzeichen der Not und der Sorge. Eine Erbspekulation hat die Familie vor den Ruin gebracht; durch eine Gesetzeslaune wird das erwartete Geld dreißig Jahre lang blockiert. Zahlen, nochmals Zahlen, Rechnungen, Pläne, Seufzer, Tränen und des öfteren der Besuch des Gerichtsvollziehers sind das Vorspiel zu seinem Leben. Es spielt in den letzten zwei Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts. Die Kinder entdecken Zauber und Gefahren der Großstadt; sie schnüffeln wie junge Spürhunde im Dschungel der Gassen. Kein Autogewühl stört sie dabei; Paris ist von der Touristenindustrie noch nicht überschwemmt. Die Straßenbahn von der Bastille zum Montparnasse wird von zwei gutmütigen Pferden gezogen.

Der an Gefühlsregungen karge Vater, ein Mensch ohne Gewissenskonflikte und metaphysische Krisen, der als Student geheiratet hat und nun Nacht für Nacht an seinem holprigen Schreibtisch sitzt, um endlich sein Doktorexamen zu bestehen, repräsentiert so ganz den Typ eines Wissenschaftsoptimisten, für den die Erlösung der Welt in ihrer technologischen Vervollkommnung liegt. Von seinen Kindern verlangt er Hygiene statt Reinheit. Zehn Jahre wartet die Familie auf sein Diplom. Es ist die Zeit, da Laurent (das erzählende Ich des Dichters) tagelang ermattet auf seinem Bett liegt, jede Nahrung verweigert und sich in die Frage vergräbt, die ihm das Dasein des Vaters stellt. Muß man nicht "mit zunehmender Einsicht, mit sich mehrendem Wissen zugleich auch besser werden"? Der Gedanke, "daß ihm in Zukunft wenige Dinge unmöglich sein werden", begleitet ihn, seit er die Treppe von der Wohnung einer Dirne hinuntersteigt, nachdem er sie gebeten hatte, um der Mutter willen den Vater abzuweisen. Jenen Vater, der trotz seiner Arbeit immer Zeit findet, mit allen Mädchen, die in seine Nähe kommen, "voll schöner Selbstverständlichkeit Tragödien hervorzubringen".

Die Kontrastposition nimmt die Mutter ein. Ihre Einsamkeit ist nur ein Grund mehr, um ganz in den Pflichten und der Fürsorge aufzugehen wie in einem heiligen Fieber. "Sie liest keine Zeitung, ihr Universum ist ganz klein, sie lächelt ein Lächeln, das an den Hauswänden innehält." Sie widersteht einer immer anwesenden Nähe der Verzweiflung. "Was hilft es mir, euch lieb zu haben, wenn ich es nicht einmal habe durchsetzen können, daß ihr euch untereinander lieb habt." Aber als Laurent sie wegen der Untreue des Vaters überreden will, mit ihm fortzugehen, ruft sie entrüstet aus: "Wir sind doch eine Familie!"

Es ist ein Sisyphosschicksal, in einer so auseinandergefalteten, von Spaltungen, Teilungen und Fürsorge zusammengehaltenen Familie sich selbst zu finden. "Eine Familie: auch das ist ein Kunstwerk; aber das flüchtigste, das trügerischste von allen." Der Roman dieser Jugend endet mit dem Entschluß, sich von der Familie zu lösen, in einer "zweiten Geburt" in das eigene Leben einzutreten: "Ich habe nur noch eins zu tun, von ihnen allen zu genesen."