An der Säulenfassade des Palais-Bourbon in Paris, in dem die Nationalversammlung tagt, hängt ein großes Plakat, das zur Loterie Nationale einlädt. "Versuchen Sie Ihr Glück!", steht darauf, und: "Erster Preis: Eine Reise nach den Bermuda-Inseln". Auf einer Bahre wird gerade die Leiche der Regierung René Mayer weggeschafft.

Diese Zeichnung ist der einzige Kommentar, den die Washington Post der französischen Regierungskrise widmet, aber er besagt genau das, was das Ausland an dieser Krise interessiert: Wer wird das Lotteriespiel gewinnen, aus den neun hoffnungslos miteinander verfeindeten und in sich gespaltenen Gruppen und Grüppchen eine Koalition zustande bringen und dann nach den Bermudas fliegen, um im Namen Frankreichs zusammen mit den Regierungschefs der Vereinigten. Staaten und Großbritanniens die Politik festzulegen, die der Westen den neuen Machthabern im Kreml anzubieten hat.

Im allgemeinen vermögen französische Regierungskrisen, die alle paar Monate einzutreten pflegen, die internationale Aufmerksamkeit nicht mehr zu beanspruchen. Ob das Nachkriegsfrankreich nun gerade bei dem 18. Kabinettssturz oder bei der 19. Regierungsbildung angelangt ist, kann nicht einmal mehr die französische Öffentlichkeit erregen, geschweige denn die des Auslandes. Sie sieht dem Spiel der französischen Parlamentarier, das längst jede tiefere Bedeutung verloren hat, teilnahmslos, ja, verständnislos zu. So groß die politische Elite Frankreichs auch ist, früher oder später kommen bei dem schnellen Wechsel immer wieder dieselben dran und wursteln weiter. "On prend les memes et on continue", hieß es schon in der III. Republik, von der die IV. alle Laster und nur wenige Tugenden geerbt hat.

Diesmal aber geht die französische Regierungskrise uns alle an. Es beginnt damit, daß das Datum der Dreierkonferenz auf den Bermudas amtlich nicht festgesetzt werden kann, weil nicht vorauszusehen ist, wann Frankreich in der Lage sein wird, einen Regierungschef zu ihr zu entsenden. Der 17. Juni ist in Aussicht genommen, da Churchill mit einem Mandat des Commonwealth, dessen Premierminister sich nach den Krönungsfeierlichkeiten beraten, Eisenhower gegenübertreten möchte. Das wäre in drei Wochen. Die letzte französische Regierungskrise hat aber vier Wochen gedauert, und von Mal zu Mal drohen die Lösungen langwieriger zu werden.

Es ist jedoch höchste Zeit, daß die Westmächte sich auf eine gemeinsame Konzeption gegenüber Moskau und Peking einigen, nachdem Eisenhower und Churchill ihre Meinungsverschiedenheiten dem sowjetischen Gegner und eventuellen Verhandlungspartner überflüssigerweise in aller öffentlichkeit preisgegeben haben. Das einzige, was Churchill, ohne es freilich zu wollen, bisher erreicht hat, ist, daß der außenpolitische Ausschuß der französischen Nationalversammlung am Tage nach der Rede des Premierministers die Prüfung des Vertrages über die europäische Verteidigungsgemeinschaft unterbrochen hat, um erst einmal den Ausgang der Gespräche mit Moskau abzuwarten. Die Hypothek der sowjetischen Friedenspropaganda, die mehr und mehr die Beteiligung Frankreichs am Zusammenschluß Westeuropas hemmt, muß schleunigst beseitigt werden. Der Westen kommt nicht. länger um das Risiko herum, die Verhandlungsbereitschaft der Sowjetunion auf die Probe zu stellen.

In dieser für Europa und für den ganzen Westen vielleicht entscheidenden Phase des Ost-West-Konflikts stellt Frankreich die große Unbekannte dar. Die gestürzte französische Regierung hat sowohl zu der Rede Eisenhowers wie zu der Churchills geschwiegen, um es mit niemandem zu verderben. Dem künftigen französischen Regierungschef wird, wie er auch heißen mag, in dem Dreiergespräch auf den Bermudas vielleicht die Rolle des Züngleins an der Waage zufallen. Wird er die skeptische Bedachtsamkeit Eisenhowers oder die optimistische Improvisationslust Churchills unterstützen? Das wird nicht nur von der Person des kommenden Ministerpräsidenten und seines Außenministers abhängen, sondern vor allem von der Mehrheit, auf die das neue Kabinett in der Nationalversammlung angewiesen sein wird.

Da die Sozialisten die Verantwortung für die notwendigerweise unpopuläre Politik finanzieller Sanierung ablehnen, die durch die Schwäche der vorangegangenen, mehr oder minder rechtsstehenden Regierungen unvermeidlich geworden ist, kann der nächste Kandidat für die Ministerpräsidentschaft seine Mehrheit nur wieder auf der rechten Seite des Hauses finden. Ja, er muß die Rechtsmehrheit, mit der seine Vorgänger zu regieren versucht haben, noch mehr nach rechts erweitern, wenn er nicht wie Pinay und Mayer scheitern will. Er ist also auf die Unterstützung der Gaullisten angewiesen. Die Aussichten dafür sind zweifellos gewachsen, seitdem der General sich aus dem parlamentarischen Leben zurückgezogen und seinen Abgeordneten freie Hand gegeben hat. Ob freilich die gaullistische Fraktion, die noch immer achtzig Abgeordnete zählt, geschlossen in die Mehrheit eintritt oder ob sie sich über der Frage der Regierungsbeteiligung noch einmal spaltet, hängt von dem Geschick des künftigen Ministerpräsidenten ab.