Wir hörten:

Wenn man bei einem Fußballspiel 20 000 Zuschauer auf einmal sieht, hat man den Eindruck einer enormen Menschenmenge. Aber dreißigmal so groß ist in der Bundesrepublik die Zahl der Kriegerwitwen, die ohne eigenes Einkommen von Sozialrenten leben müssen. Bedenken wir, wenn wir die großartigen neuen Büropaläste bestaunen und daraus auf einen sich hebenden Wohlstand schließen, daß jeder neunte Deutsche, der älter als 16 Jahre ist, auf Renten angewiesen ist und vom Staat (das heißt: uns anderen) mit durchgeschleppt werden muß? Oder bedenken wir, daß jeder vierte Erwerbstätige weniger als 250 DM verdient? In einer runden Zahl ausgedrückt: daß heute neun Millionen in Westdeutschland Lebende arm sind? Es werden so viele Statistiken heutzutage angelegt, aber diese Statistik hatte noch keiner unternommen, ehe Rüdiger Proske und Ilse Elsner, ein Funkredakteur und eine Journalistin, einmal der Armut in der Bundesrepublik und ihren Ursachen nachgingen. Sie gaben damit Henri Regnier die Unterlagen für eine ungemein anschauliche und glänzend durchdachte Hörfolge "Ihr Nachbar ist die Not", die vom Hessischen Rundfunk und vom NWDR Hamburg gesendet wurde. Es ist von Haus aus nicht die Aufgabe des Funks, aktive Sozialpolitik zu treiben, aber wenn es "die anderen" nicht tun... Jedoch, wer sind "die anderen"? Regnier hatte zwei Figuren eingeführt, den Durchschnittsarmen und den Durchschnittsreichen, die sich nicht darüber einigen können, wer diese "anderen" sind, ob die Regierung, ob die Behörden oder sonst jemand, die sich aber einig sind, daß andere die Verantwortung haben und nicht sie selber. Damit hatte Regnier, der seine eigenen Überlegungen selbst vortrug, den unmittelbaren Appell an den Hörer erreicht. Nun mußte sich jeder getroffen fühlen, der am Lautsprecher saß, der Arme wie der Bessergestellte, und erkennen: Gegen die Armut in der Bundesrepublik hilft keine Vogel-Strauß-Politik und keine Erwartung, daß "die anderen" (die in Bonn) eines Tages das Allheilmittel finden werden; es hilft nur die Einsicht, daß "wir alle in einer Schaukel sitzen" und daß jeder, der Arme wie der "Reiche", es in der Hand hat, mit vernünftigen Vorschlägen eine allmähliche Verbesserung herbeizuführen.

Wir werden sehen:

Dienstag, 2. Juni, 10.15 und 20.00 im NWDR:

Für diesen Tag sind alle Programmsorgen hinfällig: Elizabeth II. wird gekrönt! Vormittags übernimmt der deutsche Fernsehfunk, der inzwischen auch im Rhein/Main-Gebiet zu empfangen ist, von BBC die direkte Berichterstattung aus der Westminsterabtei und vom Umzug durch die Londoner Straßen zum Buckingham-Palast. Abends noch einmal dasselbe als Fernsehfilmbericht und dann das Großfeuerwerk über der Themse.

Wir werden hören:

Donnerstag, 28. Mai, 21.00 vom Südwestfunk: