Er ist unerbittlich, ja rücksichtslos in seinen Ansprüchen, aber dankbar ist er nicht. Während Montgomery stets für die Beförderung seiner Offiziere gesorgt hat, weiß man in der englischen Armee, daß von Templer in dieser Beziehung nichts zu erwarten ist. Man weiß aber auch, daß seine brillante Karriere – er war 1942, damals 44jährig, der jüngste Generalleutnant der britischen Armee – noch keineswegs ihren Höhepunkt erreicht hat. In den Klubs an der Fall Mall spricht man seit langem von ihm als dem zukünftigen Chef des Imperial General Staff. Stellvertretender Chef des Reichsgeneralstabs war er bereits 1950. Als aber der britische Hohe Kommissar von Malaya, Sir Henry Gurney, von kommunistischen Terroristen ermordert wurde und die Zustände in Malaya das, was heute in Kenya geschieht, weit in den Schatten stellten, da wurde Templer zu seinem Nachfolger ernannt.

Im Februar 1952 schlug er sein Hauptquartier in Kuala Lumpur auf. Über 3000 Menschen hatten die Kommunisten aus dem Hinterhalt in Überfällen und Streifzügen umgebracht. Die englischen Militär- und Polizeiverbände hatten zwar ihrerseits etwa 2500 Banditen getötet, 1500 verwundet und weitere 1500 gefangengenommen, dennoch schienen Zahl und Stärke der kommunistischen Kräfte nicht abnehmen zu wollen. Noch immer verbarg sich eine Armee von etwa 5000 kommunistischen Terroristen in den Urwäldern von Malaya, ausgerüstet mit englischen Waffen, die man während des Krieges für sie abgeworfen hatte – denn im zweiten Weltkrieg waren diese kommunistischen Guerillas noch stolz als antijapanische malayische Volksarmee bezeichnet und von den Engländern auf Spezial-Guerilla-Schulen ausgebildet worden. Jetzt gehört der Kampf gegen sie in dem heißen feindlichen Malaria-Dschungel (Vierfünftel von Malaya besteht aus tropischem Urwald) zum bittersten, was der englischen Armee in dieser Generation zugemutet wurde.

Als Templer ernannt wurde, schrieben die liberalen Zeitungen Englands mißbilligend, noch nie in der britischen Kolonialgeschichte sei ein Soldat dazu ausersehen worden, so delikate politische Probleme zu lösen. Das Mißtrauen schlug in offene Feindschaft und beim Oberhaus in empörte Kritik um, als die ersten Berichte über Templers radikale Maßnahmen in die englische Öffentlichkeit drangen. Templer hatte dort, wo den Terroristen immer wieder. Unterschlupf gewährt wurde, Kollektivmaßnahmen gegen ganze Dörfer ergriffen, die einer Aushungerung gleichkamen. Die Empörung war groß, aber der Erfolg ist nicht ausgeblieben, zumal da diese Maßnahmen mit vernünftigen Reformen gepaart wurden. Mit ebenso großer Radikalität hat nämlich der General die exklusiven Klubs der Farmer gezwungen, die colour bar, den Ausschluß der Farbigen, aufzuheben. Er hat sich ferner dafür verbürgt, daß Malaya in angemessener Zeit die Autonomie bekommen werde. Heute sind, wie Templer letzte Woche in London mitteilte, die militärischen Handlungen praktisch abgeschlossen. Der Monatsdurchschnitt an Verlusten durch die kommunistischen Terroristen betrug 1951 etwa 200, im folgenden Jahr 110. Sie betragen heute nur noch 18. Personen.

Der General, der derart rigoros durchgegriffen hat, ist schlank und groß gewachsen. Eine breite, hohe Stirn wölbt sich über weit auseinander liegenden scharfen, klugen Augen. Sattelnase, hohle Wangen, ein energisches, wenn auch nicht großes Kinn. Das einzig Konventionelle an seiner drahtigen, ungewöhnlichen Erscheinung ist der englische Militärschnurrbart. Templer strahlt nervöse Gespanntheit aus; er denkt, handelt und bewegt sich schnell, fast hastig. Stets fordert er von sich und anderen den letzten Einsatz. Immer ist er aufgefallen, bei jeder Aufgabe, die ihm gestellt werde. Im Krieg und im Frieden; als Direktor des Intelligence im Kriegsministerium und zuvor als Stellvertreter von General Robertson in Deutschland, wo er 1945 nach Kriegsende in Lübbecke sein Hauptquartier aufschlug und praktisch die Administration übernahm.

Templer hat sich damals mit verblüffender Schnelligkeit in seine neue, ungewöhnliche Aufgabe eingearbeitet. Er kümmerte sich wenig um die Politik, konzentrierte sich vielmehr auf die Verwaltung. Vorrang hatte für ihn die Wiederherstellung des deutschen Verkehrsnetzes, und das hieß: Brückenbau. An zweiter Stelle stand die Wiederingangsetzung der Industrie, und das hieß: Kohleförderung. Für die Deutschen hatte er zwar Achtung, aber zunächst wenig Sympathie. Seine Aufgabe es, lebenswürdige Bedingungen für sie zu schaffen. Das war alles. Nach und nach jedoch entwickelte sich auch sein menschliches Interesse für den ehemaligen Gegner, Eine der ersten Begegnungen mit den damaligen deutschen Spitzen der Verwaltung. spielte sich folgendermaßen ab: Mit seinem Stellvertreter, General Balfour, seinem Stab und dem überaus konservativ aussehenden Direktor der Politischen Abteilung, Sir Christopher Steel – alle in großer Uniform, alle unverkennbar Vertreter des ancien regime – betrat Templer den Saal, in dem die Vertreter der neuen Demokratie versammelt waren. Mit seinem auch zu jeder Selbstironie bereiten Sarkasmus bemerkte er leise zu seinem Adjutanten: ‚Was die wohl denken, wenn sie uns so sehen und sich vorstellen, daß wir ihnen Demokratie beibringen sollen?‘ – Zu einer jener ersten Delegationen gehörte auch der damalige Bürgermeister von Hamburg, Rudolf Petersen. Von seinem Stab über den Eindruck befragt, den Petersen auf ihn gemacht habe, antwortete er kurz: "The man is strait as a corkscrew – der Mann ist gerade wie ein Korkenzieher. Er spricht Englisch, er zieht sich englisch an, er sieht englisch aus, er hat einen englischen Schnurrbart –, wirklich, es ist nicht fair."

Sein scharfer Witz machte auch nicht halt vor den Mitgliedern der britischen Regierung. Eines Tages kam ein wichtiger britischer Minister der Labour-Regierung zu Besuch nach Deutschland, ein kleiner, wohlmeinender Mann. Er war Templer schon lange ein Dorn im Auge. Der General zog ihm einen viel zu großen Mantel an, packte ihn in seinen Jeep und fuhr ihn zur Jagd, selbst chauffierend, querfeldein durch Gräben, über Stock und Stein in halsbrecherischem Tempo. Schließlich stieg der Minister aus und entschied, er wolle lieber zu Fuß nach Hause gehen. Unter dröhnendem Gelächter wurde er wieder in den Jeep gepackt und mit reduziertem Selbstbewußtsein, verfroren und unansehnlich, spät abends zu Templers Haus zurückgefahren. Die beiden Wachen traten ins Gewehr. Templer beugte sich zu seinem Gast: "Herr Minister, diese beiden Soldaten sind aus Ihrem Wahlkreis. Ich habe sie Ihnen zu Ehren heute hier auf Posten gestellt." Der Minister hat den General nie wieder besucht.

Templer war maßlos in der Arbeit und fast ebenso maßlos in der Zerstreuung. Seine Nächte waren kurz, er trank viel, ohne daß man es je merken konnte. Immer war er morgens pünktlich zur Stelle. Seine Unbekümmertheit, sein Humor, sein scharfer Witz und sein Mangel an Konventionalität gewannen ihm schnell die Herzen der Amerikaner. Wenn immer sich eine schwierige Situation mit den Bundesgenossen ergab, mußte General Templer sie bereinigen. Und stets gelang es ihm, wenn nicht anders, dann auf dem Parkett, auf dem er bis in die frühen Morgenstunden tanzte.

Der irische Großgrundbesitzer, von jeher dem Sport zugetan, gehörte als junger Mensch bei der 1924er Olympiade zu dem team der englischen Hürdenläufer; war später der beste bayonet-fighter der britischen Armee, ferner ein bekannter Polospieler und Jagdreiter. Wenn man ihn heute fragt, was er am liebsten tut, dann sagt er: "Am liebsten lebte ich in einem Farmhaus mit einem Garten und meiner Bibliothek" – denn Sir Gerald Templer hat auch eine abseitige Leidenschaft: die Literatur des 17. Jahrhunderts. TD