Von Cornelius Colon

Was hier zu erzählen ist, ist nicht die Inhaltsangabe einer Romanhandlung, sondern der kurze Bericht von einem wirklich gelebten und gestorbenen Leben: Eine junge Französin, Paule Regnier, verliert 1915 durch den Krieg den Mann, den sie liebt, Paul Drouot. Er hat sie zur Erbin seines schriftstellerischen Nachlasses eingesetzt, und sie gibt, sobald die Umstände es erlauben, alle seine noch unveröffentlichten Arbeiten heraus, darunter auch den kleinen Roman "Eurydice, zweimal verloren". Da Drouots Arbeiten von ungewöhnlichem Talent zeugen, wird Paule Régnier mit dem angesehensten französischen Literaturkritiker, Charles Du Bos, bekannt, der Drouots dichterische Persönlichkeit eingehend gewürdigt hatte. Auch Paul Claudel zeigt sich lebhaft interessiert an den Arbeiten dieses frühvollendeten christlichen Autors aus der Schule Charles Peguys, und schreibt an Paule Regnier Worte, die ihr den Sinn ihrer Liebe bestätigen. In dem Liebespaar des "Seidenen Schuhs" sieht sie ihre Verbundenheit mit Paul Drouot widergespiegelt.

Da fällt ihr beim Durchblättern alter Korrespondenzen ein an Paul Drouot gerichteter Liebesbrief in die Hand, der mit "J" unterzeichnet ist und als dessen Schreiberin sie (wohl nicht mit Unrecht) ihre Schwester Jeanne vermutet. Ihre Welt stürzt ein. "Nichts", so schreibt sie in ihr Tagebuch, "läßt sich den Folterqualen der verhöhnten Liebe vergleichen. Sie ist die Hölle selbst." Sie hatte geglaubt, mit der Eurydice in Drouots Roman sei sie gemeint gewesen, nun wird ihr klar, daß sie sich getäuscht hat. "Ich bin von der letzten Stätte verjagt worden, an die ich mich noch klammerte, von jenem Grab, an dem ich gern, aber allein, wachen wollte." Doch sie begehrt nicht auf, sondern sieht in dem Ganzen eine gnädige Fügung Gottes. "Was für ein Leben hätte ich hinter ihm hergeschleppt, wenn er heimgekehrt wäre, um wer weiß wie viele andere Frauen zu lieben." Und sie hofft, daß in dieser schrecklichen Krisis ihre Liebe für alle Zeit gestorben sein werde.

Bis dahin hat Paule Regnier niemals daran gedacht, für die Öffentlichkeit zu schreiben. Nun ist das Schreiben für sie die einzige Möglichkeit, das Leben zu ertragen. "Ich schreibe nicht", macht sie sich selbst klar, "um in die Nachwelt einzugehen, um Geld zu verdienen, um Erfolg zu haben oder mir eine Position zu schaffen. Ich schreibe weder für die anderen noch für mich, nein, ich schreibe, um zu leben, und dieser Beweggrund genügt, und ich brauche nach keinem anderen zu suchen, und ich könnte mit Schreiben erst aufhören, wenn ich beschlossen hätte, mir das Leben zu nehmen."

Sie arbeitet mit äußerster Intensität. Schon nach einem Jahre erscheint ein umfangreiches Buch über Paul Drouot. Noch ein Jahr, und sie erhält, 1924, den Balzac-Preis für ihren Roman "Der lebendige Friede", in dem sie ihre Liebe zu Paul nach ihren Tagebüchern darstellt. Alles, was sie sich literarisch vornimmt, kreist um die eine Frage: wie kann eine Frau die Liebe zum Mann überwinden, um durch Gott zur Liebe zum Nächsten zu gelangen? Sie erzählt von Frauen, denen das gelingt, sie erzählt von Frauen, die darin scheitern. Sie selbst weiß von sich, daß ihr nichts beschieden ist als das Scheitern. Denn mit der verhöhnten Liebe zu Paul Drouot hat sie auch alle Liebe zur Welt verdrängt. "Ein Wesen, das selbst keinen Nächsten braucht, nach dem aber auch kein Nächster verlangt, ist auf der Welt verloren und verdammt." Sie liest das ganze gewaltige Werk von Claudel und kann es fast auswendig. Sie sucht und findet Gewissensberater in klugen Priestern und in dem klügsten von allen Zeitgenossen, dem katholisch gläubig gewordenen Charles Du Bos. Sie hat nie im Glauben der katholischen Kirche gezweifelt, sie ist immer Christin gewesen, sie hat immer gebetet und hält auch jetzt mit Gott Zwiesprache. Aber sie weiß immer gewisser: Gott erhört sie nicht, er erlöst sie nicht aus ihrer Isolierung den anderen Menschen gegenüber. Sie kann den Sprung in die Nächstenliebe nicht vollziehen. "Ich bin im Grunde mit einem Verbrechen behaftet, das in den Augen Claudels das schwerste ist: ich beruhe auf einer ‚wesenhaften Verschiedenheit’; ich will und kann in nichts und niemandem aufgehen."

In einem Roman "Die Abtei von Evolayne" (deutsch 1950 unter dem Titel "Das enterbte Herz" in F. H. Kerle Verlag, Heidelberg, erschienen), der das Gesamtwerk dieser Frau in Deutschland bekannt macht, zeichnet sie eine Frau, die sich aus diesem Ungenügen heraus das Leben nimmt. Sie ist überzeugt, daß sie sich damit als gute Katholikin erweist, weil die Heldin ja ein selbstkritisches Bild ihrer eigenen Verlorenheit ist. Eine Freundin schickt das Buch an Paul Claudel. Und nun trifft Paule der zveite schwere Schock. Der Dichter des "Seidenen Schuhs" schreibt ihr: "Ihre Heldin ist unausstehlich. Sie hätte besser getan, Kinder zu kriegen." Paule weiß kaum, wie sie diesen Schlag verwinden soll. "Ich hatte immer geglaubt, Genie und Seelengröße gingen Hand in Hand. Ist es denkbar, daß bei Claudel die christliche Gesinnung nur aus Verdammung der anderen und aus Selbstgefälligkeit besteht? Ich glaube, man muß die großen Werke lieben, als stammten sie von niemandem."

Auch Charles Du Bos nimmt ihr das Buch so übel, daß es fast zu einem Bruch mit diesem höflichsten aller Menschen kommt. Überall in den katholischen Kreisen muß sie Feinde entdecken, aber darüber verbittert sie nicht, denn sie weiß: "Mein ärgster Feind ist meine Liebe zum Nichts, das Verlangen, in alle vier Winde verweht zu werden, damit von mir nicht mehr die Rede ist." Der Wunsch, "nicht mehr zu sein", ist schon 1934 mächtig in ihr. Sie schreibt einen Essay über den Selbsmord, über den ihr Beichtvater "begreiflicherweise nicht sehr entzückt ist", obwohl sie darin zu dem Schlüsse kommt, daß die allgemein verbreitete Mißbilligung des Selbstmordes auf einer Wahrheit beruhen müsse.