Von E. A. Greeven

Vermutlich würde ich niemals die Bekanntschaft von Janis Karklin aus Jelgava – es ist der lettische Name für Mitau – gemacht haben, wenn nicht in den Sommermonaten 1923 die Inflation wie eine Rakete zu astronomischen Höhen emporgeschnellt wäre. Dann hätte ich auch die Geschichte von den 300 000 Mausern nicht aus nächster Nähe miterlebt, was ich heute noch bedauern müßte.

Während Berlin für eine Straßenbahnfahrt 2 Billionen Mark zahlte, hatte ich mich auf einem Drehsessel der frischgegründeten "Aktiebolaget Svenska Kontoret i Berlin" gerettet, die am Schöneberger Ufer im Erdgeschoß eines Privathauses residierte und der ich schon in der Wiege prophezeite, daß sie schwerlich ein silbernes Jubiläum erklimmen würde. Aber sie zahlte in stabilen Schwedenkronen, und das bedeutete in jenen Tagen mehr als die Aussicht auf ein Festessen in 25 Jahren bedeuten konnte.

Eines Morgens hing über unserem blitzblanken Messingschild neben der Haustür ein Holztäfelchen, wahrscheinlich der Boden einer Zigarrenkiste a. D., mit der kindlich gemalten, mir unverständlichen Aufschrift: "Kommerc Biedriba". Wir erfuhren, daß die Konsistorialratswitwe im dritten Stock eines ihrer Zimmer an einen gewissen Janis Karklin aus Lettland vermietet habe. Eigentlich wollte die alte Dame die Stube möbliert vermieten, doch als sie besagten Anwärter ein Weilchen durchs Lorgnon betrachtet hatte, erschien es ihr ratsamer, ihm die nackten vier Wände zu überlassen. Mit Ausblick auf den Landwehrkanal, dessen Schönheit sie in allen Tonarten pries. Völlig umsonst, denn Janis Karklin war mitnichten ein Naturschwärmer. Eher noch ein Tierfreund, denn er brachte ein total verfilztes Wollknäuel mit, das er kühnlich als einen Hund bezeichnete und um dessentwillen er sich die Feindschaft des Hauswarts zuzog, weil das zoologische Mirakel die hochherrschaftlichen Treppenpfosten in seiner Unschuld für gebrauchsfähige Bäume ansah.

Erstaunlicherweise ließ die Firma Kommerc Biedriba nicht das bescheidenste Büromöbel ins Haus schaffen. Janis verstand zwar kein Wort englisch, doch das "keep expenses down" lag ihm tief im Blut. Kaufmännische Naturgenies wie er und sein Kompagnon benötigen nur drei leere Makkaronikisten als Schreibtisch und Sitzgelegenheiten, um internationale Millionengeschäfte zu starten. Tatsächlich, Janis besaß außer dem Wollknäuel auch einen Kompagnon, einen dunkelbärtigen Mann mit stechendem Blick und bösem Lächeln, vor dem – wie die Konsistorialrätin behauptete – junge Frauen auf der Straße ihre Augen abwandten aus Furcht für das ungeborene Leben ihres Schoßes. Man sah ihn selten am Schöneberger Ufer, da er seine Transaktionen zumeist beim Alexanderplatz vom Café Dobrin aus erledigte, an einem runden, gegen Sicht geschützten Tischchen mit zahlenbekritzelter Marmorplatte.

Wenige Tage nach seinem Einmarsch in den Berliner Westen erschien Janis Karklin, den sogenannten Hund an der Strippe, in den Räumen der Aktiebolaget Svenska Kontoret und bat höflichst, einen der werten Herren sprechen zu dürfen. Unser Schwede, ein ehemaliger Hauptmann vom Södermanlandschen Regiment, vergaß vor Schreck sein wohlassortiertes Deutsch, und sein deutscher Teilhaber, der in Stockholm einige Zeit eine bekannte Autofabrik vertreten hatte, war zum Lunch "einen Augenblick" fortgegangen, was gewöhnlich drei Stunden dauerte. Somit fiel die Ehre, den Chef der Biedriba zu empfangen, an mich.

Janis Karklin war ein schmächtiges, rötlich blondes Männchen mit blinzelnden Augen und zappligen Gliedern–ein kurioses Gemisch von Naivität und Durchtriebenheit, von offenherzigem Redeschwall und lauerndem Verschweigen. Er roch sozusagen nach Demut und Gier zugleich. Drei Minuten später wußte ich, falls nicht alles ein Märchen war, daß er als jüngstes von neun Kindern eines Hausierers seine tägliche Prügel, doch selten etwas Nahrhaftes bezogen hatte und seit früher Jugend vom Wunschtraum besessen war, einmal im Leben drei gewaltige Hammelkeulen hintereinander zu vertilgen: in einem erstklassigen Restaurant, wo es garantiert nobel zuging und nicht jeden Augenblick die Polizei auftauchte. Der Ort aber, wo dieser Traum, wenn überhaupt irgendwo, in Erfüllung ginge, konnte nach Janis Oberzeugung nur das Berlin der Inflation sein. So hatte er eines Tages Hütte und Herd der Karklinschen Sippe verlassen und war auf verzwickten Wegen bis zum Alexanderplatz gelangt. Seit Wochen schon wilderte er nun in den Jagdgründen der großen Stadt und bebrütete ums Dunkelwerden im Café Dobrin die Geschäftslage. Es war keine reine Freude. Letzthin aber war die große Wendung gekommen!