Nachdem vor einigen Jahren Andre Gide und Barrault Kafkas Roman Der Prozeß" dramatisiert hatten (die Hauptrolle des Josef K machte damals in Berlin Horst Caspar zu einer seiner eindringlichsten Studien), hat nun Max Brod, der Freund Kafkas, der bedeutende Romanzier, dem ebenfalls unvollendeten und unvollendbaren Roman "Das Schloß" dramatische Form gegeben (Die Uraufführung fand im Berliner Schloßpark Theater statt ) Brods Metier ist die Bühne nicht, aber mit dem nachspürbaren und behutsamen Sinn der freundschaftlichen Verantwortung hat er die wirren Ranken der vielen, nicht immer leicht deutbaren Nebenhandlungen ausgeschnitten und dem ganzen einen Schluß angefügt. Er läßt an das Grab des toten Landvermessers K, den das ganze Drama über erwarteten Boten aus dem Schloß kommen, mit der ersten positiven Nachricht; K werde Bürgerrechte im Dorf bekommen.

Es zeigte sich: auch diese Figur K s, der im Anrennen gegen die Barrikaden der Bürokratie, immer tiefer in die Selbstdemütigung, die Selbsterniedrigung stürzt ist die Figur des Menschen in dieser Zeit — nicht an einem Beispiel illustriert, sondern in der Essenz gegeben. Davon hatte die Berliner Aufführung alles. Der junge Regisseur Rudolf Noelte verdichtete alle Gestalten und Räume symbolisch. In Friedrich Prätorius lakonischen Kulissenandeutungen verlangte er den Darstellern immer die Umsetzung ihrer Rolle in eine beinahe statuarische Charakterisierung ab. Erst allmählich, mit wachsender Intensität des Dramas, ließ er die Szenen ein wenig realistischer werden. Wilhelm Bordiert gab diesem Helden der kämpf enden Resignation einen Umriß, der das klassische Prinzip des Dramas vom Mitleiden des Zuschauenden wie selten zuvor herausforderte. Und die anderen alle, die mit lemurenhaften Zügen des Unterworfenseins, der halben und bösen Macht, der gefälligen Dienstbarkeit, der hämischen Bosheit im Halbdunkel der Bühne schlurften und standen, zusammen mit den ausgedörrten und verworfenen Frauengestalten, schufen eine Faszination des Geistigen, wie sie der Bühne meistens versagt ist. Das Publikum ging mit, wie kaum je in dieser sonst so farblosen Spielzeit.