Die "Kleine Steuerreform" soll nun nach mancherlei Verzögerungen endlich Wirklichkeit werden. Über dem Hin und Her, das sich bei der "Kleinen Reform" ereignet hat, sind die Vorschläge für die "Große" ("organische") Steuerreform, die der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium unlängst erstattet hat, in der öffentlichen Diskussion etwas zu kurz gekommen. Das ist schade; denn sie verdienen die ganze Aufmerksamkeit der Wirtschaft. Das gilt zumal von dem Abschnitt, der sich mit der Reklamebesteuerung befaßt und eine Steuer von 10 v. H. (durchschnittlich) auf alle "für Werbezwecke getätigten Ausgaben" vorsieht. Bemerkenswert ist die Begründung: "Zur Frage der Einführung einer Reklamesteuer ist festzustellen, daß seitens der Geschäftswelt vielfach ein übermäßiger Reklameaufwand getrieben wird, der volkswirtschaftlich nicht zu rechtfertigen ist und seine Ursache häufig nicht zuletzt in dem Bestreben hat, den steuerlichen Gewinn zu mindern."

Mit Verlaub: wie hat der Wissenschaftliche Beirat das festgestellt ? An Hand welcher Unterlagen? Und was heißt "vielfach"? In 5 v. H. oder in 50 v. H. aller untersuchten Fälle? Welche Reklamekosten gelten in den Augen des Beirats als "angemessen", und wo beginnt der "übermäßige" Reklameaufwand? Vielleicht verrät es uns der nächste Satz... Lesen wir also weiter:

"Alle Versuche, den übermäßigen Reklameaufwand von dem volks- und betriebswirtschaftlich gerechtfertigten Aufwand zu scheiden, um ihn gesondert zum Gegenstand einer Besteuerung zu machen, sind zum Scheitern verurteilt."

Also macht man sich gar nicht erst die Mühe, mit Tatsachen aufzuwarten, sondern begnügt sich mit der schlichten Behauptung! Wo so verfahren wird, darf man auf den Fortgang gespannt sein. Der sieht dann so aus:

"Es kann aber damit gerechnet werden, daß die Auswüchse auf dem Gebiet der Reklame im wesentlichen verschwinden werden, sobald die Gewinnbesteuerung auf ein erträgliches Maß zurückgeführt wird ..."

Freunde einer exakten Definition scheinen die Verfasser des Gutachtens nicht zu sein ... bisher war von "übermäßigem Aufwand" die Rede, jetzt heißt es "Auswüchse auf dem Gebiet der Reklame’. Darunter verstehen Freunde und Gegner der Werbung im allgemeinen etwas anderes – wie etwa Werbeäußerungen, die gegen die Lauterkeit oder den guten Geschmack verstoßen. Solche Auswüchse kann es auch bei sehr geringem Werbeaufwand geben; umgekehrt können Riesenetats durchaus einwandfrei und mit Geschmack verausgabt werden. Aber wir gehen wohl in der Annahme nicht fehl, daß der Beirat nicht "Auswüchse" meint, sondern nach wie vor den angeblich übermäßigen Aufwand. Der also – so vermutet der Beirat – würde ohnehin im wesentlichen verschwinden, "sobald die Gewinnbesteuerung auf ein erträgliches Maß zurückgeführt wird". Wozu aber dann überhaupt noch eine Reklamesteuer? Diese Frage läßt der Bericht offen. Er fährt vielmehr fort:

"Eine andere Frage ist es, ob der besondere Charakter der für Werbezwecke aufgewandten Beträge, auch soweit sie nicht über das notwendige Maß hinausgehen, eine steuerliche Belastung rechtfertigt. Diese Beträge werden im Interesse der Marktposition der einzelnen Unternehmen aufgewandt und stellen zum Teil investitionsähnliche Aufwendungen dar. Angesichts dieser Tatsache, zugleich aber auch, um die Geschäftswelt an einer Rationalisierung ihres Werbeetats zu interessieren, läßt es sich rechtfertigen, diese Aufwendungen steuerlich zu erfassen."