III. Franzosen und Orientalen – Die Drachensaat der Zivilisation

Von Marion Gräfin Dönhoff

In Marokko hat man Gelegenheit, erstaunliche Feststellungen zu machen. Es zeigt sich nämlich, daß die Franzosen dort, wo es gilt, den Kampf ums Dasein zu bestehen, ungeahnte Tüchtigkeit und einen geradezu erschreckenden Arbeitseifer entwickeln. Jedes Fleckchen Erde in Nordafrika ist ausgenutzt, über Hunderte von Kilometern wird das Wasser in riesigen, offenen Zementleitungen transportiert, um immer neue Gebiete dem Ackerbau zu erschließen, die Städte sind blitzsauber, die Hotels neu gestrichen und die meisten technischen Einrichtungen modern – kurzum, alles, was man in Frankreich nie oder selten antrifft, ist hier an der Tagesordnung.

Aber auch darüber hinaus hat man Gelegenheit, Einsichten von allgemeiner Gültigkeit zu gewinnen. Marokko ist ein Land, in dem ein Entwicklungsprozeß, der sich in Europa vom Mittelalter bis heute über sechs Jahrhunderte erstreckte, in vier Jahrzehnte zusammengepreßt worden ist. Nicht etwa, daß das ganze Land wirtschaftlich von der dörflichen Autarkie zur kapitalistischen Marktwirtschaft übergegangen sei, oder soziologisch: vom mittelalterlichen Patriarchat zur anonymen städtischen Gesellschaftsform – so umfassend ist dieser Prozeß natürlich nicht. Eben deshalb, weil beides noch nebeneinander existiert, sprach ja Lyautey von Mittelalter mit Elektrizität. Aber eins kann man hier studieren, nämlich die psychologischen und politischen Folgen jener geschichtlichen Entwicklung.

In Marokko findet man in den Großstädten und in den Phosphatgruben (die an zweiter Stelle der Weltproduktion stehen) und bei den großen Flugplatz- und Stauwerkbauten Tausende von Arbeitern, die selber noch in den Tälern des Atlas und den Oasen der Wüste das Leben der Hirten und Jäger unserer frühgeschichtlichen Vorfahren geführt haben. In ein und derselben Generation haben sie also den Sprung von biblischen Zeiten in unsere moderne Zivilisation vollzogen. Von der Geborgenheit einer in sich geschlossenen Stammesgemeinschaft sind sie ohne jeden Übergang zum entwurzelten Industrie- und Großstadtproletariat geworden. Noch vor 40 Jahren gab es in ganz Marokko keine einzige Großstadt, heute gibt es sieben Städte, die über 100 000 Einwohner haben, von denen eine, Casablanca, in einigen Jahren eine Millionenstadt sein wird. Man rechnet, daß heute ein Drittel der Bevölkerung in städtischen Gemeinschaften lebt.

Das Ressentiment gegen den Westen

Dieser Prozeß der Verstädterung, der sich in Marokko erst abzuzeichnen beginnt, dort aber auf so kurzen Zeitraum zusammengedrängt, besonders deutliche Folgen zeitigt, führt nun ganz zwangsläufig zu einer Änderung der Lebensauffassung. Während der Landbewohner Dürre, Ernteausfall und Viehsterben – als einen Schicksalsschlag hinnimmt und gewöhnt ist, daß sein materieller Status von vielen Zufällen und Gegebenheiten abhängt, auf die er keinen Einfluß hat – weshalb er ihn auch nicht für den einzigen Maßstab des Wohlbefindens hält –, ist die wirtschaftliche Situation für den Städter der Maßstab des Erfolges. Denn dort, so scheint es, kann jeder, wenn er nur tüchtig und rücksichtslos genug ist, es zu etwas bringen. Diese Umdeutung der ursprünglichen Wertbegriffe, die zwangsläufig dort stattfindet, wo der Orientale mit der westlichen Zivilisation (die ja eine städtische Zivilisation ist) in Berührung kommt, erzeugt bei ihm eine unbewußte Aversion gegen den Westen schlechthin. Und mit Recht, denn diese westliche Zivilisation verdirbt ihn, entwurzelt ihn, macht ihn unglücklich. Zwar sagt er noch In-schahillah, wie Allah es will, aber er sagte es nicht mehr aus souveränem Gleichmut, sondern mit einem resignierten, bösen Unterton. Zu oft hat man ihn empfinden lassen, daß er in dieser westlichen Vorstellungswelt, in der Tüchtigkeit, Leistung und Kontinuität letzte Maßstäbe sind, nicht mithalten kann. Und die Nichtachtung, die man ihm deshalb entgegenbringt, hat ein tiefes Ressentiment gezeitigt.