Um eine Bronze zu gießen, muß man das flüssige Metall in eine vorbereitete Form einlassen. Diese Hohlform kann nur der als sinnvolle Gestalt verstehen, der schon im Geiste den vollen Guß vor Augen hat. Sehr viele heutige französische Romane müssen wie Hohlformen gelesen werden. Man erfaßt ihren Sinn nur, wenn man sich zugleich mit vergegenwärtigt, was der Autor absichtlich ungesagt läßt: das Bild einer intakten und maßvollen Welt, von der die Welt des jeweiligen einzelnen Romans abgefallen ist. Die Autoren zeichnen zwar Menschen, die verzweifeln, aber dem Leser teilt sich nicht diese Verzweiflung mit, sondern die unausgesprochene gläubige Zuversicht des scheinbar ganz unbeteiligten Erzählers:

Julien Green: Moira. Roman (Deutsch von Georg Goyert, Verlag Kurt Desch, München, 392 S.)

Durch nichts wird dem Leser aufgedrängt, daß Julien Green ein überzeugter Katholik ist. Die Handlung spielt in der protestantischen Universität von Virginia, wo Green selbst um 1920 studiert hat. Ein bärenhaft starker und linkischer Neuling am College, in den Bergen streng puritanisch erzogen, möchte in dem studentischen Treiben, das ihm als tiefste Verworfenheit erscheint, seine Reinheit bewahren. Er wird zum Gespött der laxer Gesonnenen und gerät in eine Falle: eine kokette Studentin. will ihn auf Grund einer Wette in Versuchung bringen. Aber ihre Faszination ist, gegen ihren Willen, zu stark für ihn. Er vergewaltigt sie. Und als er sich seiner verlorenen Seligkeit bewußt wird, erwürgt er sie im Schlaf. Sein maßloses Streben nach Heiligkeit hat ihn in den Abgrund gerissen. Mit grandioser Verschwiegenheit trägt Julien Green diese Geschichte vor. Kein Wort über die katholische Lehre zu diesen Fragen. Aber das Nichtgesagte spricht deutlicher, als Worte es könnten.

Aus ganz anderen Gründen geschieht ein Mord in dem Roman "La Rose de la mer" von Paul Vialar, dem jetzigen Präsidenten der Societé des Gens de Lettres:

Paul Vialar: Die Seerose. Roman (Deutsch von Rodolphe Hassberger.

Paul-Neff-Verlag, Wien/Berlin/Stuttgart, 254 S.)

Das Jerôme, der junge Kapitän, seinen Onkel Romain, den Schiffsreeder, in der Biskaya bei stürmischer See über Bord stößt, ist ein Akt der Nächstenliebe. Romain hatte das halbwracke Schiff gechartert, um es untergehen zu lassen und die Versicherungssumme zu kassieren. Die Mannschaften sollten als unerwünschte Zeugen mit absaufen. Um ihrer und um eines Neugeborenen willen, dessen Mutter als blinder Passagier an Bord bei der Geburt gestorben ist, nimmt er die Mordtat auf sein Gewissen. Und sühnt sie willig, nachdem er das Kind, die "Rose des Meeres", guten Händen übergeben hat. Es fällt kein Wort von Religion unter diesen nüchternen Seeleuten, aber unsichtbar sind Gottes Zorn und Gottes Gnade im, Spiel.