Welch überraschende Wandlung: nachdem Churchills "Locarno-Rede", die zu einem west-östlichen Gespräch aufforderte, zunächst in Amerika eine Kettenreaktion von Unwillen und skeptischen Kommentaren auslöste, hat drei Tage später Präsident Eisenhower die Initiative ergriffen und die beiden anderen "Großen Drei" zu einer Konferenz auf die Bermuda-Inseln eingeladen. Kein Wunder, daß sofort Vermutungen aller Art laut wurden. Es sei ein abgekartetes Spiel zwischen Eisenhower und Attlee gewesen, so meinen manche Leute. Eisenhower sei sich klar darüber, daß er im Hinblick auf die öffentliche Meinung Amerikas den Vorschlag zu einer Vierer-Konferenz nicht habe machen können, und deshalb hätte er es dem britischen Premier überlassen, diese Rakete abzuschießen. Andere hingegen meinen, der Präsident der Vereinigten Staaten habe mit so verblüffender Schnelligkeit reagiert, um die englische Außenpolitik rechtzeitig gleichzuschalten und sie daran zu hindern, eigene Wege zu gehen. Man ist nämlich der

Meinung, Churchill habe bereits in Moskau durch den Botschafter Gascoigne, der in letzter Zeit auffallend oft im Kreml war, vorgefühlt, und es sei denkbar gewesen, daß die Sowjets, rasch handelnd, von sich aus eine Ost-West-Konferenz vorgeschlagen hätten. Das wäre, so betont man mit Recht, eine unerwünschte Entwicklung, denn unter allen Umständen muß der Westen zunächst einmal wieder seine Einmütigkeit gewinnen und gemeinsame Verhandlungslinien festlegen. Was hoffentlich nach dem reichlich ernüchternden "Prawda"-Artikel und der sowjetischen Ablehnung an der Österreich-Konferenz teilzunehmen, nicht mehr auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoßen wird.

Daß die Sowjets einen Beweis ihres aktiven Friedenswillens liefern müssen, ehe man Ost-West-Gespräche beginnt, darüber sind sich alle westlichen Beteiligten klar, wenn auch vielleicht die Europäer mit weniger Entschlossenheit als die Amerikaner. Es bestehen in der Tat, ganz abgesehen von den geharnischten Reden hüben und drüben, die in der letzten Woche einer lang angestauten nervösen Gereiztheit Luft machten, sehr ausgesprochene grundsätzliche Verschiedenheiten. Europa richtet sein ganzes Interesse auf seinen östlichen Nachbarn Rußland, während Amerika traditionellerweise nicht nur zurück nach Europa schaut, sondern getreu seinem geschichtlichen Weg vom Atlantik zum Pazifik "vorwärts" nach Westen. Nach Westen, das heißt nach Ostasien. Und damit erhebt sich für die Amerikaner die Frage, ob denn, selbst wenn sich herausstellen sollte, daß die Sowjets sich für die Friedenstaktik entschlossen haben, China ebenfalls einschwenken wird. Vorläufig ist das State Department offenbar der Meinung, daß der chinesischkommunistische Imperialismus weiter aggressiv bleiben wird, und darum macht man sich dort gewissermaßen doppelte Sorgen und ist entschlossen, doppelt vorsichtig zu sein. So hat denn auch der Sprecher des State Department, Lincoln White, in einer Pressekonferenz gesagt: "Ich hoffe, Sie sind sich alle im klaren darüber, daß sich die USA und, soweit wir wissen, auch Großbritannien und Frankreich hiermit (also mit der Bermuda-Konferenz) nicht zu einer Viermächtekonferenz verpflichten." Während Churchill auf Attlees Bemerkung, er hoffe, es werde sich ein Ost-West-Treffen anschließen, andeutete, daß dies der Sinn der Bermuda-Konferenz sei.

Hier wird nun ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen der englischen und der amerikanischen Außenpolitik deutlich, der mit ein Grund für die ständigen Mißverständnisse auf diesem Gebiet ist. Die englische Außenpolitik hat sich aus der Geheimdiplomatie des 18. und 19. Jahrhunderts entwickelt und hat eine so starke Tradition, daß selbst in der demokratischen Ära die Regierung, natürlich nicht gegen die öffentliche Meinung, aber verhältnismäßig unbehelligt von ihr, die Maßnahmen, die sie für richtig hält, ergreifen kann. In Amerika hingegen, wo die Geburtsstunde einer eigenständigen Außenpolitik in die voll entwickelte Demokratie fällt, spielt die öffentliche Meinung, und zwar eine sehr gefühlsmäßig bestimmte Meinung, eine riesige Rolle. Es scheint zum Beispiel für das State Department heute unmöglich zu sein, die Anerkennung Mao Tse Tungs und die Aufnahme Chinas in die UNO vor dem amerikanischen Volk zu vertreten. Eisenhower ist gewiß nicht weniger rational als die britischen Politiker, aber er kann es sich nicht leisten, gegen das Gefühl der erregten amerikanischen Bürger, deren Söhne in Korea kämpfen, China politisch, und das heißt in Amerika moralisch anzuerkennen.

Das ist eine Tatsache, die man ärgerlich und lästig finden mag, der man aber Rechnung tragen muß. Selbst Churchill, den diese Art kleinbürgerlicher Außenpolitik aus der Lesebuchperspektive unbegreiflich erscheinen muß, wird dafür Verständnis aufbringen und einen gemeinsamen Ausweg suchen müssen – denn gerade das Chinaproblem wird bei den Bermuda-Gesprächen eine sehr wesentliche Rolle spielen.

Europa hat sich in überraschender Einmütigkeit hinter Churchills Vorschlag einer persönlichen Aussprache auf höchster Ebene gestellt. Selbst Papst Pius XII. hat in einer Audienz für die in Rom akkreditierte Presse gesagt: "Im Augenblick können wir nur der Hoffnung Ausdruck geben – wenn man dies Wort wagen darf –, zwischen den Mächten einen offenen und loyalen Dialog Platz greifen zu sehen." Und auch die nordischen Staaten, die vorige Woche in Oslo tagten, haben sich auf einen gemeinsamen Standpunkt geeinigt, der sich im ganzen mit dem Großbritanniens deckt.

Vielleicht war es gut, daß sich in der letzten Woche innerhalb des Westens so ungehemmt und gewissermaßen auf höchster Ebene der angespeicherte Ärger übereinander Luft gemacht hat. Denn inzwischen hat sich jeder der Beteiligten einigermaßen erschrocken an die eigene Brust geschlagen, und es ist zu hoffen, daß man sich darüber klar geworden ist, wie entscheidend wichtig eine durch nichts zu erschütternde gemeinsame amerikanischeuropäische Politik ist. Wobei der größere amerikanische Skeptizismus ein ganz heilsamer Dämpfer für den sich zum Teil überschlagenden Britischen Optimismus sein mag: von einer "Generation des Friedens", einem "entscheidenden Wandel der Weltpolitik" zu sprechen, ist zweifellos verfrüht. Man sollte nicht vergessen, daß es ausschließlich der konsequenten amerikanischen Rüstungspclitik zu danken ist, wenn heute der Frieden vielleicht in den Bereich des Möglichen rückt. Wenn die Begeisterung über Ost-West-Gespräche die Bereitschaft, weiter zu rüsten, lähmen sollte, dann allerdings dürften auch die Aussichten auf einen Verhandlungserfolg sehr bald wieder zerrinnen.

Wie war denn der Verlauf der bisherigen Entwicklung? Von 1945 bis 1948 hatten die USA im Glauben, mit der Niederwerfung des Faschismus sei die Vorbedingung für den Weltfrieden geschaffen, eine fast totale Abrüstung vollzogen. Die 14 Millionen, die 1945 unter Waffen standen, waren 1948 bis auf 1,4 Millionen Mann demobilisiert, der Wehretat von 79 auf 10 Milliarden Dollar gesunken; Erfolg: von 1945 bis 1948 haben die Sowjets unangefochten die Südoststaaten in Volksdemokratien verwandeln können, im Frühjahr 1948 begannen sie mit der Blockade Berlins und vollzogen den Umsturz in der Tschechoslowakei. Wenn damals nicht, unter Führung der USA, das Steuer herumgeworfen worden wäre: Aufrüstung, NATO und Luftbrücke, dann wäre der Vormarsch der Kommunisten weitergegangen, und die Optimisten würden heute kaum Gelegenheit haben, auf Freiheit und Frieden zu hoffen. Totalitären Staaten gegenüber wird eben die Außenpolitik immer ausschließlich eine Funktion der militärischen Stärke sein. Marion Gräfin Dönhoff