Als ebenso überraschend wie ungesund bezeichnete Dr. von Brunn, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie, vor den Mitgliedern des VDA in Hamburg den Gedanken, daß der Kraftverkehr in Deutschland bereits in überreichem Maße vorhanden sei: "Ein Blick auf die vergleichbaren europäischen Länder zeigt, daß die Kraftwagendichte im Bundesgebiet hinter derjenigen der anderen Ländern immer noch wesentlich zurücksteht. In der Bundesrepublik kommen 37 Einwohner auf einen Kraftwagen, während es in Großbritannien 15, in Frankreich 16, in Belgien 17 und in Schweden 18 sind." Die VDA-Leitung verweist in diesem Zusammenhang auf das Wachsen unserer Bevölkerung und auch auf die Zunahme des Sozialprodukts, die die Hoffnung gerechtfertigt erscheinen lassen, daß die deutsche Automobilindustrie einem weiteren stetigen Aufstieg entgegensehen könne. Mit berechtigter Schärfe wandte man sich gegen staatliche Einflüsse: 1951 hätten die damaligen Steuerpläne des Bundesfinanzministers und im vergangenen Jahre die Debatte über die Länge der Lastzüge beängstigende Auswirkungen auf die Fahrzeugnachfrage gehabt. Mit Besorgnis sieht man in der Industrie daher auch den Plänen für die Bundesbahnsanierung entgegen (über die in diesem Zusammenhang an anderer Stelle berichtet wird), zumal man befürchtet, daß schon das Gespräch über diese Pläne der Autoindustrie Einbußen bringe.

Dr. von Brunn legte im Rahmen seiner Rede ein Bekenntnis zu einer Wirtschaftsreform ab, in der die freischaffende und verantwortungsbewußte Unternehmerpersönlichkeit den Auftrieb gibt und der Wettbewerb immer neue Leistungen fordert. Die Montan-Union sieht der VDA als den Anfang einer Entwicklung an und er glaubt auch, daß sich eines Tages der Automobilabsatz auf dem größeren Markt eines geeinten Deutschlands abspielen wird. Im Hinblick auf den Vorschlag der UN-Wirtschaftskommission, sich im Personenwagenbau auf drei Typen zu beschränken, verwies der VDA-Geschäftsführer erneut auf die Feststellung, daß für den Fahrzeugabsatz nicht so sehr der Preis als vielmehr die Haltungskosten den wesentlichen Faktor bilden.

Die Schaffung einer Konvertibilität der Währungen und die Beseitigung der bürokratischen Exporterschwernisse werden als die wichtigsten Punkte zur Belebung der Ausfuhr angesehen. Obwohl der westdeutsche Automobilexport von 120 000 Fahrzeugen in 1951 auf 137 000 in 1952 gesteigert werden konnte und im letzten Jahr einen Ausfuhrwert von 1,3 Mrd. DM aufwies, hätten noch höhere Ausfuhrzahlen erreicht werden können, wenn nicht einige wichtige Abnehmerländer ihre Kraftfahrzeugimporte stark gedrosselt und in einigen Fällen sogar unterbunden hätten. In den ersten drei Monaten dieses Jahres ist der Exportanteil mit 36,5 v. H. auf einen Prozentsatz gestiegen, wie er bisher noch niemals zu verzeichnen war.

Bei dieser Gelegenheit erwähnte Dr. von Brunn auch die Frage der Kostensenkung für die Haltung von Kraftfahrzeugen, die auf der Internationalen Automobilausstellung von berufener Stelle als notwendig bezeichnet wurde, um eine Absatzbelebung zu erreichen. Noch wurde – leider – davon nichts verwirklicht. Und zur nicht geringen Überraschung der Automobilindustrie wurde der Antrag zur Herabsetzung der Kraftfahrzeugsteuer für gebrauchte Wagen ausgerechnet vom Bundesverkehrsminister abgelehnt. Nun geht es darum, die Kraftfahrzeugsteuer in den Fällen wegfallen zu lassen, wo es sich um rein private Fahrzeuge handelt. Man sollte meinen, daß dieser Gedanke sehr schnell verwirklicht werden könnte, zumal dem Bundesfinanzminister infolge des anziehenden Absatzes kaum ein Ausfall entstehen würde. Als Folge dieser Maßnahmen würden aller Wahrscheinlichkeit nach auch die Preise für Gebrauchtwagen heruntergehen und sich dem Auto neue Käuferschichten erschließen. Wie lange will man in Bonn mit der Lösung dieser Fragen wohl noch warten? -zke