Von Jan Molitor

Über eines sind wir uns doch alle klar –: Wenn morgen eine bemannte Rakete in den Weltraum abgeschossen werden sollte, würden sich noch heute genug Freiwillige melden, die darin fliegen möchten. Natürlich wären dies Vertreter der in die Technik verliebten "Jugend von heute". Wie soll ich nun aber den Satz verstehen, den Kepler an Galilei schrieb? – "Gib Schiffe für den Sternenraum, und es werden sich Menschen finden, die sich in die Weite dieses Raumes hinauswagen werden." Schon damals, schon anno 1610, gab es also die "moderne Jugend" – anders ist der Keplersche Satz psychologisch nicht auszulegen.

Keplers Wort stand am Anfang des Rundganges, den man in der Europa-Halle zu Düsseldorf durch eine Ausstellung "Mensch und Raketenflug" tun konnte. Und nun die Besucher –: Die älteren Leute schmunzelten, schüttelten die Köpfe, spöttelten fein und spöttelten grob; aber die Jugend war fasziniert, war gläubig-aufmerksam und kostete schoft den Vorgeschmack zukünftiger Sternenreisen. Es waren mehr Männer als Frauen, mehr Jungen als Mädchen da. Die Reise zum Mars scheint (Film-Drehbüchern zum Trotz) ein durchaus männliches Projekt zu sein.

In der Mitte des Saales baumelte eine Figur, die für viele etwas Erschreckendes hatte: eine mannsgroße Puppe in einem "Weltraum-Anzug". Aber andere fanden die Puppe kurios; so auch ich; und ich wußte, warum. Es war im Krieg, und ich flog – für einen Monat zu einem Bombergeschwader kommandiert – nachts in einem Flugzeug, dessen Kanzel rundum aus Plexiglas bestand. Es waren mehrere hundert derartige Maschinen unterwegs, doch jetzt, bei dunkler Nacht, sah man sie nicht und fühlte sich allein. Plötzlich geriet eine Maschine, die ungefähr in gleicher Höhe flog, in den Bereich eines feindlichen Scheinwerfers. Im grellen Licht sah man die gläserne Gewandung der Kanzel nicht mehr; ich sah – zu Tode erschreckt – einen Mann, nein: eine menschenähnliche Puppe, die gemütlich im Nichts saß. Sie schwebte – sitzend – dem Flugzeug voraus. Sie hatte statt der Nase einen Rüssel, und da wußte ich Bescheid. Das Monstrum saß auf dem Beöbächtersitz. Sein Rüssel lieferte ihm Sauerstoff. Es trug eine Haube und daran einen Zopf: die Zuleitung des FT-Geräts. Die Ohrmuscheln des Monstrums waren künstlich; an seinem Hals preßten sich die Plättchen eines Kehlkopf-Mikrophons: so konnte es reden. Eine weitere Leitungsschnur schenkte ihm Wärme, denn sein Anzug, der einer Taucherrüstung glich, war durchwoben mit Heizdrähten. Ein künstliches Wesen, sitzend im Nichts! Da fiel mir ein, daß ich ja selbst so saß, und ich mußte lachen. Wir hatten’s weit gebracht, wir Menschen! – Und als ich hier, in Düsseldorf, das künstliche Wesen in ähnlicher Montur von der Decke des Ausstellungssaals herabpendeln sah, war mir klar: Wir Menschen werden es noch weiter bringen! Ich selbst zwar würde mich nicht drängen, 1730 Kilometer hoch im schwerelosen Raum zu pendeln. Aber bereits Kepler sagte ja, es würden sich schon welche finden lassen...

Im Mittelpunkt der Schau stand eine V 2, jene berühmte deutsche Rakete, die aussah wie eine übergroße, überschlanke Bombe, und deren Anblick mir eine andere kuriose Erinnerung schenkte. – In den letzten Kriegswochen geriet ich in eine Geheimgegend, wo sie noch einmal ein solches V-Geschoß loslassen wollten. Lohnte es noch? Da beschlossen die dort versammelten Mannen, sie wollten lieber den Alkohol, der als Treibstoff der Rakete diente, versaufen. Für diese Tat, die spontan eine hemmungslose Fröhlichkeit entfesselte, fand ich in der Düsseldorfer Ausstellung eine zwar späte, aber einleuchtende Rechtfertigung. Da stand nämlich der Satz: "Bedeutungsvoller als durch ihre Verwendung im Krieg ist die Rakete dadurch, daß sie bewies, daß sie für die Aufgaben der Weltraumforschung tauglich ist." – Wahrlich, wir befanden, uns damals schon im siebenten Himmel...

Raketen? Ich sah im Jahre 1929 zum erstenmal jene Raketen, die Max Valier, der Schweizer Ingenieur und Rennfahrer, an einem Auto angebracht hatte. Der mutige und erfindungsreiche Mann hatte in Fritz von Opel einen Gönner gefunden; und jung, wie wir damals waren, glaubten wir felsenfest, zehn Jahre später würden Rennen wohl nur noch mit Raketenautos ausgetragen werden. – Ein Jahr später wurde Max Valier bei einem Werkversuch getötet: das erste Todesopfer in der Geschichte der Raketenentwicklung; es wird nicht das letzte Opfer bleiben. Denn die Menschen werden nicht ablassen, Raketen zu bauen, kriegstüchtige Raketen, und wohl eines Tages auch solche, mit denen sie zu anderen Sternen fahren können. Allerdings, daß die Aussichten friedlicher Forschung im Augenblick nicht allzu groß sind, dürfte man einem Vortrag entnehmen, den Wernher von Braun in Düsseldorf verlesen ließ. Der Vater der V 2, der ehemalige wissenschaftliche Leiter der "Deutschen Forschungsansalt Peenemünde" und heutige Chef eines militärischen Forschungsinstituts für Raketenflug in Alabama (USA), sagte darin, daß die Weltraumfahrt auf einer Lösung von vielen Teilproblemen beruhe, die sehr wohl und mit geringen Kosten in den Studierstuben bearbeitet werden könnten. Auch die Raketenversuche der Großmächte, die meist unter Terminzwang litten, stützten sich oft auf die Teilresultate idealistischer Ingenieure. Doch dann kam im Text Wernher von Braüns das große "Aber". Er selbst könne heute nur noch in seiner Freizeit seinen Träumen vom Weltraum nachhängen.

Sein Traum vom Weltraum also ist privat. Offiziell und außerhalb der Freizeit sind Projekte vordringlich, welche die Rakete auf Erden nützlich erscheinen lassen, auf Erden und für den Fall, in dem es doch wieder so weit kommt, daß die Raketen eine Bedeutung haben, die weit geringer ist als die der Weltraumfahrt...