K. W., Berlin, Ende Mai

Die Pfingstfeiertage gehörten in der Sowjetzone wie nie zuvor der Kirche. Wenige Tage vor dem Fest hatte der Generalstaatsanwalt Melsheimer den Strafantrag zurückgewiesen, den Bischof Dibelius gegen das FDJ-Organ "Junge Welt" wegen seiner fortgesetzten Angriffe gegen die "Junge Gemeinde" der evangelischen Kirche gerichtet hatte. Die "Junge Gemeinde" sei, so hieß es in der Erklärung des Staatsanwaltes, nicht registriert, also eine nicht erlaubte Organisation. Die Kirche hat einen reuen Klageantrag gestellt, in dem es heißt: "Es wird niemandem glaubhaft zu machen sein, daß im Bereich der DDR sich eine Organisation viele Jahre hindurch hätte halten können und in aller öffentlichkeit ihre Arbeit hätte tun können, ohne registriert zu sein." Die "Junge Gemeinde" sei ein Teil der Kirche, die Kirche selbst aber sei nicht eine Organisation, sondern eine öffentlich-rechtliche Körperschaft.

Seither hat sich in Chemnitz eine kommunistische Pfarrerkonferenz der Aufgabe unterzogen, den Großangriff auf die "Junge Gemeinde" zu begründen: Was diesen jungen Menschen geschehe, diene der echten christlich-sozialistischen Verbindung und bekämpfe den Angriff des westlichen Kriegskapitalismus auf die Grundwerte des Christentums. Außer dem alten Theologen Emil Fuchs, dem Vater des britischen Atomspions Claus Fuchs, fanden sich zu dieser Konferenz freilich nur die bekannten kommunistischen Pfarrer ein. Diese Pfarrerkonferenz soll offensichtlich die Grundlage für eine sowjethörige kommunistische Kirche bilden.

Mit Prozessen gegen die Kirche ist zu rechnen, nachdem der offene Kampf in jeder Stadt und in jedem Dorf der Sowjetzone bis an die Kirchentüren gedrungen ist. Von dem Gespräch, das Niemöller vor vierzehn Tagen mit Judin, dem neuen politischen Berater in Karlshorst, gehabt hat, ist nichts an Wirkung auf die Kampfsituation ausgegangen. Im Gegenteil: nach den Worten der Frau Professor Zaißer, die das Volksbildungsministerium leitet und die Frau des Staatssicherheitsministers ist, hätten von den sowjetzonalen Schulen alle zu verschwinden, die das Abzeichen der "Jungen Gemeinde" tragen. Der Prozeß, den die Kirche gegen die FDJ nun zum zweiten Male und energisch fordert, ist in Wahrheit der Prozeß gegen den kommunistischen Staat.