Es ist bekannt, daß in Deutschland 85 v. H. der Bevölkerung keinen Spart treiben; andererseits ist unbestritten, daß viele sportliche Veranstaltungen von diesen Nicht-Sportlern besucht werden. Aber nicht nur in Deutschland ist dieses Mißverhältnis zwischen der Zahl der Sportler und der Sportzuschauer auffallend. In Belgien ist Pierre de Thier diesem Problem einmal nachgegangen und hat in "Les Sports" darüber berichtet. Er wählte sich für seine Untersuchungen das sehr populäre Fußballspiel aus und trennte sorgfältig bei seiner Meinungserforschung die Geschlechter. "Er" und "Sie" wurden getrennt befragt, warum sie Sonntag für Sonntag ins Stadion wanderten. 70 v. H. der Männer erklärten, daß sie ihre Lieblingsmannschaft siegen sehen wollten. 10 v.H. waren so ehrlich, einzugestehen, daß sie nur einen Grund haben wollten, von Hause fortzugehen, Warum sie es daheim nicht aushielten, danach waren sie taktvollerweise nicht gefragt worden. 8 v. H. gaben an, daß sie beim Fußballspiel gute Bekannte treffen wollten. 5 v. H. wiesen sich als enragierte Fußball-Fanatiker aus. 4 v. H. treibt eine starke Vorliebe für einen bestimmten Spieler heraus auf das Spielfeld und bei 2 v. H. ist es lediglich die liebe, alte Gewohnheit. 1 v. H. bekannten sich als Sportfreunde überhaupt.

Und nun die Frauen: 80 v. H. wollen ihren Mann (oder ihren Freund) nicht allein gehen lassen. Es macht ihnen auch Spaß, ihn zu begleiten. 10 v. H. wollen "ihre" Mannschaft siegen sehen. 5 v. H. wollen unbedingt zusehen, wenn die Männer kämpfen. 3 v. H. gestanden offen, daß sie eine besondere "Schwäche" für einen bestimmten Spieler hätten, und der Rest von 2 v. H. findet Fußballspiele einfach "amüsant".

So aufschlußreich dieser Test auch ist, er erschöpft das Thema gewiß nicht ganz. Carl Diem versuchte es vor Jahren so zu erklären: Was sehen die Menschen gerne? Nun, zum Beispiel Angeln. Wer hat nicht schon jene seltsame Erscheinung beobachtet, daß sich um einen Angler Zuschauer versammeln und so geduldig wie jener darauf warten, ob ein Fisch anbeißt. Einmal lassen sich die Beobachter gern aus der Hast des Daseins heraus von der Ruhe des Wassers und dem Vorgang des Angelns beeindrucken, und dann warten sie darauf, etwas zu "erleben", und sei es nur den glitzernden, zappelnden Fisch an der Angel.

Der schweizerische Sportführer Dr. Robert Zumbühl meint, daß unter den "Nichtschwitzenden" im Zuschauerraum auch Aktive und Jugendliche sitzen, die von den bezahlten Meisterspielern oder entschädigten Halbamateuren zu lernen hoffen. Viele, wenn nicht gar die meisten zahlenden Zuschauer, so meinen wir, gehen aber doch wohl zu sportlichen Veranstaltungen, weil sie mit den Akteuren oder zumindest mit deren Vereinen in einem gewissen menschlichen Kontakt stehen. Sie wollen nicht nur einen Nervenkitzel, sondern auch Geselligkeit erleben. Es gibt natürlich auch andere, wie etwa den Präsidenten des Deutschen Sport-Bundes, Willi Daume –; die halten den üblichen Vergleich der 22 Fußballspieler auf dem Felde und den 22 000 Zuschauern auf der Tribüne für schief und meinen, es sei immer noch besser, diese 22 000 Menschen ins Freie zu locken, als sie in Stuben und Kneipen sitzen zu lassen. Wenn das allerdings der Weisheit letzter Schluß sein sollte, streichen wir besser die Segel. Von einem Sportpräsidenten hätten wir gerne Klügeres gehört.

Es kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß wir alle auf unseren Sport- und Spielfeldern immer mehr Ausübende und weniger Zuschauer sehen möchten. Deshalb muß man sich immer wieder für eine tatkräftige Förderung der breiten Entwicklung unseres Amateursportes (als einziger tragbarer Basis der Sportbewegung) einsetzen. Die Breitenarbeit ist das Wichtigste, nicht die Spitzenarbeit. Also nicht zusehen, sondern mitmachen, heißt die Losung. Oder, um noch einmal Carl Diem zu zitieren, "sich nicht unterhalten lassen, sondern sich selbst eine eigene wertvolle Unterhaltung schaffen." W. K.