Julius Bab, der während der Zweiten Mannheimer Kultur- und Dokumentarfilmwoche in Mannheim einen Vortrag hielt, ließ sich von Jean Mitry, Frankreichs Kurzfilmregisseur Nr. 1 ("Pacific 231" und "Images pour Debussy") dessen Filme zeigen, wobei Bab unter Dorfschullehrern saß, die aus der Pfalz gekommen waren, um Kulturfilme zu sehen. Außerdem besah sich Julius Bab noch russische Tierfilme. Als er sich dann von Jean Mitry verabschiedete, meinte er, auf die Mannheimer Schulkinder weisend, die lärmend in das Kino strömten, um für zwei Stunden Kulturfilme zu erleben: "Warum gibt es so etwas nur in einer deutschen Stadt?" Mitry konnte keine Antwort darauf geben. Er meinte jedoch, so etwas, gebe es nicht einmal in Frankreich. Worauf es Julius Bab doch nicht unterlassen konnte, noch eine verbindliche Formulierung zu finden, die sinngemäß etwa lautete: "Nichts ist repräsentativer für die Kultur eines Landes, Form und Ausdruck seiner Kulturfilme – und: wie sie gezeigt werden!"

Hätte Julius Bab recht, so wäre es um die Kultur Westdeutschlands mehr als schlecht bestellt: Kulturfilme werden kaum gezeigt und einstweilen streiten sich Verleiher und Theaterbesitzer, wer Schuld daran sei. Die Theaterbesitzer erklären, die Verleiher schickten ihnen keine Kulturfilme, und die Verleiher behaupten, die Theaterbesitzer spielten sie nicht, weil die Dia-Reklame mehr Geld bringe als die geringe Steuerbegünstigung für Kulturfilme. Einstweilen ist es den Theaterbesitzern noch nicht gelungen, die These, die sie hinsichtlich der Kulturfilme aufstellen, allgemein zu bestätigen. Es steht an sich fest, daß sie etwa zu achtzig Prozent keine Kulturfilme spielen und der Filmproduzentenverband ist bereit, hierfür den Beweis anzutreten.

Nur die Kinobesitzer Mannheims machen eine Ausnahme: seit der ersten Kulturfilmwoche 1952 spielen sie Kulturfilme und zwar regelmäßig. Wobei weniger die zwei Prozent Steuerbegünstigung eine Rolle spielen, die von der Stadtverwaltung gewährt werden, als die immer drängender werdende Forderung des Publikums.

So war es für die Stadt Mannheim eine Selbstverständlichkeit, daß sie auch 1953 wieder beträchtliche Mittel für die Kulturfilmwoche bereitstellte, dazu noch Mittel aus Bonn und Stuttgart erhielt, um der gesamten Schülerschaft Mannheims – vom zwölften Lebensjahre an – Kulturfilme zu zeigen. Die Kinder zahlten 50 Pfennig und kamen 22 000 Köpfe hoch! Die Lehrer brauchten nichts zu bezahlen und erschienen so zum ersten Male vollzählig zu einer solchen Veranstaltung. Als sie jedoch zu einem abschließenden Vortrag von Professor Donald Brinkmann (Zürich) über Jugend-Filmpsychologie kommen sollten, meinte ein Schulmann der Verwaltung zögernd: "Ich weiß nicht, ob wir es den Lehrern zumuten können, am ersten (Pfingst)-Ferientage einen Vortrag zu besuchen!"

Es wäre langweilig immer nur die positiven Ergebnisse einer solchen Filmwoche zu berichten, bei der eine Auswahl von 200 Filmen aus elf Ländern gezeigt wurden. Die negativen dagegen sind aufschlußreich: Das große Publikum will keine Filmvorträge hören, sondern nur Filme sehen; Bemühungen, Jugendleiter für geistige Fragen und Probleme des Films zu interessieren, sind gescheitert: die "Jugendbürokratie" ist Selbstzweck geworden und ist – bis auf geringe Ausnahmen – für echte geistige Probleme unzugänglich; auch hier: werden nur Filme gezeigt, so kommen die Jugendleiter; Vorträgen aber weichen sie aus. Abgesehen davon, daß die Jugendbürokratie keinerlei Mittel besitzt, selbst die disziplinierten Jugendleiter der kirchlichen Organisationen und der Gewerkschaften anzusprechen.

Es gäbe zum Thema "Stiefkind Kulturfilm" noch zu sagen, daß sich die Vertreter des Städtetages nun für die Mannheimer Erfahrungen zu interessieren beginnen, um das Modell Mannheim auf die anderen Städte zu übertragen: Gelder, die aus den Einkünften der Vergnügungssteuer stammen, nun für den Film wieder zu verwenden. Darüber hinaus erkennen die deutschen Kulturfilmproduzenten, daß es hier wenigstens eine Stadt gibt, die sich für sie verwendet, und schließlich müssen die Theaterbesitzer feststellen, daß bei einer Sommerhitze, wie sie in diesen Maitagen herrschte, die Spielfilmvorstellungen leer blieben, während die Alster-Lichtspiele, die ihre tausend Plätze für die Kulturfilmwoche zur Verfügung stellten, gut besetzt waren.

Die Mannheimer Kulturfilmwoche ist eine Anregung. Nicht mehr. Sie wollte ursprünglich mit städtischen Geldern der Mannheimer Bevölkerung eine Demonstration des internationalen und deutschen Kulturfilms bieten. Im ersten Jahr konnten Filme gezeigt werden, die irgendwo noch exzeptionell wirkten. 1953 zeigte sich eine allgemeine Niveauhebung, wenngleich die Spitzen fehlten: von "Aadamah" aus Israel, "The quiet one" und "Saludos Amigos", "Madeleine" aus den USA, "Menschen teleobjektiv gesehen", "Altenburger Dom" und "Vor dem Fuchsbau" (Deutschland) abgesehen. Aber das Problem liegt nicht in den Spitzenleistungen, sondern in der Hebung der durchschnittlichen Ebene. Diese Qualitätssteigerung wurde in Mannheim 1953 dokumentiert. K. J. F.