Von Triest ist im gegenwärtigen italienischenWahlkampf immer noch genau so viel die Rede, wie schon bei den Wahlen im Jahre 1948. Damals griffen die Vereinigten Staaten, England und Frankreich zur Unterstützung de Gasperis gegen die Kommunisten in den Wahlkampf ein, indem sie sich bereit erklärten – im Gegensatz zu der Bestimmung des Friedensvertrages mit Italien, die die Errichtung eines Freistaates unter einem neutralen Gouverneur vorsieht –, der Rückgabe Triests an Italien zuzustimmen. Zu jener Zeit gehörte Jugoslawien noch zum Ostblock, so daß sich die alliierte Erklärung gegen Moskau und Belgrad richtete. Durch den Bruch Titos mit dem Kreml hat sich die Lage insofern geändert, als Moskau kaum geneigt sein dürfte, sich in der Frage Triest für Jugoslawien einzusetzen. Der italienische Ministerpräsident de Gasperi scheint sogar der Auffassung zu sein, daß die Haltung Moskaus heute eine Annäherung Rußlands an die alliierte Erklärung von 1948 möglich macht. Jedenfalls hat er in einer Wahlrede den Kreml aufgefordert, sich dieser Erklärung anzuschließen und damit den Streit um Triest zu beenden.

Titos Reaktion auf diese Aufforderung war ungewöhnlich heftig. In seiner Rede am zehnten Jahrestag der Partisanenarmee erklärte er, selbst wenn Moskau sich der Drei-Mächte-Erklärung anschließen sollte, werde Jugoslawien niemals seine Zustimmung geben, sondern seine Rechte mit der Waffe verteidigen. Dies gelte insbesondere für das Gebiet der unter jugoslawischer Verwaltung stehenden Zone B des Triester Gebietes, die Jugoslawien nur räumen werde, wenn der im Friedensvertrag vorgesehene Freistaat Triest gebildet würde oder wenn Jugoslawien und Italien das Freistaatgebiet in einem regelmäßigen Turnus abwechselnd verwalteten. Da die erste Möglichkeit durch jene Drei-Mächte-Erklärung hinfällig geworden und die zweite undurchführbar ist, hat die Erklärung Titos nur zur Folge gehabt, die Spannungen zwischen Italien und Jugoslawien erheblich zu verstärken. Die Antwort Italiens gab der italienische Verteidigungsminister Pacciardi, der in Ancona erklärte, Italien sei jetzt stark genug, sein gesetzliches Recht auf Triest nötigenfalls mit Gewalt zu verteidigen.

Der Kreml hat sich bisher zu der Frage Triest nicht geäußert. Der Empfang des jugoslawischen Geschäftsträgers durch Außenminister Molotow und das jugoslawische Agrément für einen neuen sowjetischen Geschäftsträger in Belgrad, der einen höheren Rang als der bisherige besitzt, lassen erkennen, daß Moskau die diplomatischen Beziehungen zu Belgrad normalisieren möchte. Es wäre aber irrig, daraus auf eine endgültige Annäherung zwischen Moskau und Belgrad zu schließen. Gerüchte dieser Art wurden von Tito eindeutig dementiert. In einer Ansprache vor Angehörigen der jugoslawischen Luftwaffe sagte er, "unsere Beziehungen zur Sowjetunion und den unter ihrem Einfluß stehenden Staaten haben sich nicht gebessert". In der gleichen Rede wiederholte er seine Angriffe gegen die italienische Regierung, die er einer "Landraubpolitik" beschuldigte, die "fast so schlimm wie die Mussolinis" sei. In heftigen Worten wandte er sich auch gegen die Unterstützung des italienischen Anspruchs auf Triest durch die amerikanische und die englische Presse.

Tito überschätzt die außenpolitische Stellung Jugoslawiens, wenn er glaubt, in der Frage Triest einen Zweifrontenkampf gegen Ost und West führen zu können. Wenn auch die Westmächte in dem gegenwärtigen italienischen Wahlkampf sicherlich keine neue Erklärung über Triest abgeben werden, so kann doch nicht der geringste Zweifel darüber bestehen, auf welcher Seite ihre Sympathien stehen. Tito hat mit seinen aggressiven Reden seinem Lande keinen guten Dienst erwiesen, sondern, wie die New York Times schreibt, "einen Fonds von schlechtem Willen und Mißtrauen geschaffen, der ihm in Zukunft teuer zu stehen kommen kann." E. K.