Zur Geschichte des französischen Gesellschaftsromans

Wer sich zum täglichen Leben auf angenehme Weise untauglich machen will, dem ist zu raten, möglichst viele Romane (nicht einmal die schlechtesten) zu sich zu nehmen. Und den berufsmäßigen Herstellern von Romanen möchte ich ins Ohr flüstern, daß eher ein Reicher in den Himmel kommt als einer von ihnen zu der reinen Dichtung." So ärgerlich wie diese Sätze klingen, waren sie nicht gemeint. Karl Vossler, der sie niederschrieb, wollte nur das ganze Maß geistiger Bemühung kennzeichnen, dessen der Roman bedarf, um Dichtung zu werden – gerade weil er Roman ist und sich das Prädikat des Dichterischen gegen die Verlockungen der Gattung hart erkämpfen muß. In der Tat scheint sich die Vorzugsstellung des Romans in der Moderne ästhetisch nur an den Erzeugnissen legitimieren zu können, die mehr bieten als das, was die alte Formel "prodesse et delectare" umschreibt. Diese Einsicht ergibt sich aus dem vorliegenden Buch von Ferdinand Lion: "Der französische Roman im 19. Jahrhundert", das jetzt im Verlag Oprecht, Zürich, erschienen ist.

Im 19. Jahrhundert, das die rapide Entfaltung des Bügertums und der kapitalistischen Wirtschaft, sowie das Erscheinen der Arbeiterschaft auf der politischen Ebene sieht, tritt erstmals die Gesellschaft als zentrales Problem in das Blickfeld der Literatur. Die großen französischen Romane von Stendhal bis Zola enthalten eine Soziologie, die – so sollte man wenigstens meinen – die Relationen zwischen dem jeweiligen objektiven Bestand der Gesellschaft und der Literatur kenntlich machen könnte. Lion geht denn auch entschlossen an die gestellte Aufgabe. Mit großem Gewinn liest man, was er über den beständigen Rückzug auf das Ich, über den psychologischen Scharfblick als Erbe des 18. Jahrhunderts bei Stendhal sagt. Balzac ist eindrucksvoll gezeichnet in seinem zwiespältigen Verhältnis zu den verschiedenen Klassen, deren ständig wechselnde Existenzformen er in seine comedie humaine eingliedert. Lion weiß, wie sehr Balzac eine Verdichtung des Zeitgeistes darstellt. Der Bogen der Interpretation spannt sich dann von Stendhal zu Flaubert, dem nur die Sklavenarbeit einer fanatisch betriebenen Summierung und Verfeinerung der Stilformen gegen das bedrückende Desillusionserlebnis hilft, und schließlich zu Zola, der erbarmungslos die Tiernatur des Menschen enthüllt, aber zugleich mit der Entdeckung der Massen einen neuen Bereich erschließt.

Merkwürdig, daß alle vier Romanciers versteckte Romantiker sind und es hinter ihrem realistischen Werk auch bleiben; eine Tatsache, die Lion ebenso anschaulich darstellt wie das wiederholte Ausweichen in die Provinz. Das romantische Empfinden ist nicht Schuldgefühl, sondern halb rückwärts gewandte, halb revolutionäre Sinngebung der schmerzvoll erfahrenen Entleerung einer undurchschaubar gewordenen Gesellschaft, der gegenüber die in gesicherten Traditionen beharrende Provinz als fester Boden in der Flucht chaotischer Erscheinungen auftaucht. Lion versucht mit Erfolg, im Werk der großen Romanciers das Verhältnis zu den entscheidenden politischen und sozialen Vorgängen vom ersten zum zweiten Empire über Restauration und Bürgerkönigtum zu bestimmen. Leider beschränkt er diese Zuordnung im wesentlichen auf das Inhaltliche. Abgesehen von einigen bemerkenswerten Ansätzen wird die Umsetzung der einzelnen Stadien der politisch-sozialen Entwicklung in Sprach- und Kompositionsstile im dunkeln belassen, und die greifbare Möglichkeit, am dankbaren Objekt Grundsätzliches über den Zusammenhang von Gesellschaftsprozeß und Dichtungsformen zu erfahren, bleibt ungenutzt. Dieser Mangel beeinträchtigt zwar nicht den Wert von Lions klugem und kenntnisreichem Buch, ist aber um so mehr zu bedauern, als sein Verfasser offenbar über die Voraussetzungen verfügt, ihn zu beheben. Erich Köhler