Bemerkungen und Beobachtungen

Von Christian E. Lewalter

Wer würde nicht wünschen, daß das nationale Nebeneinander gleichzeitiger Literaturen allemal auch ein Miteinander, eine Symbiose sei –, so daß, was das eine Land an wesentlichem hervorbringt, sogleich auch im anderen Land zu wirken vermag und umgekehrt? Spricht man von "europäischer Literatur", so setzt man voraus, es verhalte sich wirklich so. Aber das ist eine Illusion, und am allermeisten heute. Denn, wenn ein übernationales literarisches Leben nicht Wunschtraum bleiben soll, dürfte die Verschiedenheit der nationalen Sprachen keine Schwierigkeiten bieten, und die geistigen Eliten des einen Landes müßten mit denen des anderen in unmittelbarem Kontakt stehen. Seitdem dem Lateinischen seine Funktion als lebendige europäische Literatursprache genommen wurde, ist diese Bedingung nur dann zu erfüllen, wenn die Eliten beider Länder mehrsprachig sind und die Notwendigkeit des Übersetzens entfällt.

Der wachsende Anteil, den Übersetzungen an der deutschen Buchproduktion haben, ist also nicht, wie man oft klagen hört, ein Zeichen von Überfremdung, sondern ein Symptom der fortgeschrittenen Entfremdung. Zurückgegangen ist bei uns der Prozentsatz von Lesern, die die Werke ausländischer Literaturen in der Originalsprache lesen. In ständigem Rückgang befindlich ist auch der Prozentsatz von Autoren, die unmittelbar am literarischen Leben anderer Nationen teilnehmen. Die Generation der um 1870 geborenen deutschen Autoren etwa – Stefan George, Rilke, Rudolf Borchardt, Thomas Mann, Hermann Hesse – war für die gleichzeitigen Literaturen der anderen Länder nie auf Übersetzungen angewiesen, wohingegen immer mehr unserer heutigen Dichter und Kritiker erst dann von ausländischen Werken eine Vorstellung bekommen können, wenn ihnen eine deutsche Ausgabe vorliegt. In die Symbiose der großen Kulturnationen, die sich von Lessing und Wieland bis zu Hofmannsthal und Rudolf Alexander Schröder auch für die Deutschen von selbst verstand, haben sich also seither zwei Potenzen einschalten müssen, denen eine unermeßliche Verantwortung zugefallen ist: der deutsche Verleger, der aus den anderen Literaturen das Wesentliche auszuwählen, und der Übersetzer, der es in angemessener deutscher Form zu präsentieren hat. Ein dritter Typus des Vermittlers wäre der Kritiker. Aber auch er ist bei uns ein seltener Vogel geworden. Während in Frankreich, England und Amerika die Germanisten auf die moderne deutsche Literatur aufmerksam sind, schweigen unsere Romanisten und Anglisten sich vornehm aus (mit einer großen Ausnahme: Ernst Robert Curtius), und die Verlagslektoren müssen souverän verfahren.

Ein Wunder fast, daß die Konfusion unter solchen Umständen nicht ärger ist und daß zum Beispiel für den des Französischen nicht mächtigen deutschen Leser dennoch die Möglichkeit besteht, sich ein nicht ganz unzutreffendes Bild von den Strömungen der heutigen französischen Literatur zu machen. Dafür seien hier einige Beobachtungen verzeichnet.

Nur eine Mode?

1945 wurde der Westwall gesprengt. In das deutsche Verstummen traf ein vieltöniges Rauschen französischer Stimmen, dirigiert von mancherlei Kulturdienststellen. Namen, die vorher in Deutschland noch kaum einer vernommen hatte, waren mit einemmal in aller Munde. Voran der Name Sartre. Er schien der Angelpunkt des französischen Geisteslebens, der wichtigste Mann des künftigen Europa. Das war, wie sich inzwischen herausgestellt hat, eine perspektivische Verzerrung. Aber als bloße "Mode"-Erscheinung, wie das Mißtrauen meinte, ist Sartre, doch nicht abzutun. Er hat das Ohr Frankreichs, als Motor, als bohrende Unruhe, als ernstliches Ärgernis, das zur Besinnung herausfordert, als Scheide der Geister. Inzwischen liegt, dank der Initiative Ernst Rowohlts, ein großer-Teil seines Oeuvres deutsch vor, und der Übersetzer des philosophischen Hauptwerkes "Das Sein und das Nichts", Justus Streiter, hat überdies (im Verlag von Felix Meiner, Hamburg) für den Leser einen schön übersichtlichen Königsweg gebahnt mit seinem Digest "Zur Freiheit verurteilt", der die kniffligste aller Kategorien Sartres, die Freiheit, von allen Seiten anleuchtet. Wenn auch trotzdem Deutschland gegen einen gläubigen "Sartrismus" immun scheint, so ließ sich doch an dem Phänomen Sartre eins erkennen: daß Frankreich früher als wir die falsche Arbeitsteilung zwischen Philosophieren und Dichten hinter sich gelassen hat und daß man dort die Mahnung an den Schuster, bei seinem Leisten zu bleiben, nicht auch für den Romancier, den Dramatiker, den Ontologen und den politischen Essayisten gelten läßt. Denn Sartre ist dies alles in einer Person und aus der Einheit ein und desselben Impulses – und schon das wäre Anlaß genug, sich über ihn Gedanken zu machen, auch wenn er nicht durch seine leidenschaftlichen Bemühungen, Theorie und Lebenspraxis auf eine Wurzel zurückzuführen, eines der kardinalsten Probleme der europäischen Kultur in sich austrüge.