Von Gustav Engel

Kürzlich hat der Landtag Nordrhein-Westfalens zugestimmt, daß man zukünftig von der Landschaft „Westfalen-Lippe“ sprechen solle.

Das Wort „Westfalen“ kommt nur gekoppelt mit anderen Bezeichnungen vor: „Nordrhein-Westfalen und – neuerdings – Westfalen-Lippe. Westfalen selbst ist von der politischen Karte verschwunden.

Was ist Westfalen oder was ist es gewesen? Um es vorweg zu nehmen: Westfalen ist niemals zur politischen Geschlossenheit gekommen; Westfalen ist immer nur „Raum“ gewesen, „historische Landschaft“, wie man auch gesagt hat, um mit einem Verlegenheitsausdruck einen Zustand zu bezeichnen, der seinesgleichen nicht hat.

Die Westfalen sind nie ein germanischer „Stamm“ gewesen. Wir können uns nur vorstellen, daß Scharen kriegerischer Sachsen in der nachtaciteischen Zeit in das Gebiet zwischen Weser und Rhein eingedrungen sind. Sie waren sehr gering an Zahl, aber es gelang ihnen, die Unterworfenen als Verbündete an sich zu ketten, indem sie ihnen – anders als die Franken verfuhren – politische Rechte ließen. So ist jene Synthese entstanden, in deren Auswirkung an die Stelle der taciteischen Völkernamen der Chauken, Brukterer und Marsen, der Chasurier, Ampsivarier, der neue Sammelname der „Westleute“ trat. Im Rahmen des republikanisch-föderalistischen sächsischen Gesamtstaates, jener einmaligen Erscheinung im Staatsbild der germanischen Welt, die sonst nur das Königstum kannte, haben die Westfalen ihre eigene provincia gebildet, deren oberste Staatsgewalt in der Volksversammlung lag. Ihr „Staat“ hielt auch weiterhin zusammen, als das Sachsenreich in den Frankenkriegen zerbrochen war. Bis zum Ausgang des Mittelalters ist Westfalen sozusagen ein Herzogtum ohne Herzog gewesen. Eine ähnlich eigenartige staatsbildende Leistung hat kein anderer Volksteil der deutschen Geschichte aufzuweisen.

Das mittelalterliche Westfalen umfaßte alle Länder und Völker zwischen Weser und Rhein, Wupper, Ems und Nordsee mit Ausnahme der Friesen. Die Westfalen haben ihre Landfriedensbündnisse nur auf diesen Raum beschränkt; ihre Bischofsstühle haben sie – mit geringen Ausnahmen – nur mit Söhnen der gebürsteten Häuser dieses Raumes besetzt, in der Hanse haben sie ihr eigenes Quartier gebildet; ihre Kaufleute sind als der „Gemeine Kaufmann von Westfalen“ von London bis Bergen, Riga und Nowgorod aufgetreten. Ein Histörchen erzählt aus jener Zeit: In einer Stadt an der Ostsee beobachtet jemand, wie der Pförtner am Stadttor einen hereinkommenden Knaben grüßt mit den Worten: „Guten Tag, Herr Bürgermeister.“ Auf seine Frage erhält er den Bescheid: „Dieser Knabe ist zwar noch kein Bürgermeister, aber er wird einer werden; denn er kommt aus Westfalen.“

Zu Lebzeiten des Freiherrn vom Stein war von diesem Westfalen noch viel lebendig. Überall in den Dörfern, soweit sie von den preußischen Verwaltungsreformen von 1719 unberührt geblieben waren, vornehmlich in der Grafschaft Mark, fand er eben jene Kräfte der Selbstverwaltung und Selbstverantwortung in voller Lebendigkeit, wie wir sie heute so dringend gebrauchten.