Der grüne, goldbestückte Frack der vierzig Männer, aus denen die „Académie française“ besteht, ist in dem so unfeierlich gewordenen Frankreich Anlaß für mancherlei fröhlichen Spott. Aber der Spott ist gutmütig, und niemand möchte im Ernst die „Académie“ abschaffen, deren Mitglieder sich jeden Donnerstag in ihrem Kuppelsaal zusammenfinden, um ein oder das andere Stichwort für die neue Auflage des Großen Wörterbuches durchzusprechen. Denn die „Académie“, vor mehr als dreihundert Jahren gegründet, um dem französischen Wortschatz und dem französischen Stil eine klare und feste Form zu geben, nimmt dies Amt noch heute wahr. Der Erfolg ist für jedermann leicht abzulesen: an der Durchsichtigkeit und Präzision jedes französischen Satzes, der gesprochen, geschrieben und gedruckt wird. Die französische Sprache ist krisenfest geblieben wie die Burgunder Reben und der silberne Dunst über Paris. Die „Académie“ hat ihr Hüteramt gut versehen, und der grüne Frack ist gewissermaßen ein Symbol für die heile Tradition der französischen Sprache.

Daß die deutsche Sprache heute so heil nicht ist, wissen bei uns alle, die sich in ihr ausdrücken müssen. Sie hat sich gehen lassen, ist aus den Fugen gekommen – kurz: sie bedarf dringend einer Akademie. Wir haben auch eine, dem Namen nach wenigstens: die „Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung“, 1949 gegründet und in Darmstadt angesiedelt. Aber wir haben auch wieder keine. Denn diese Akademie hat sich in den vier Jahren ihres Bestehens noch nicht der Arbeit annehmen können, für die sie bestimmt ist. Die Öffentlichkeit erfuhr von ihr kaum mehr als dies: daß sie gegründet wurde, daß sie 1951 Gottfried Benn den Georg-Büchner-Preis verlieh und daß sie im Oktober 1952 bei einer Tagung über „Macht und Ohnmacht der Sprache“ ein neues Präsidium und einen neuen Geschäftsführer wählen mußte, weil über den Kurs keine Einigkeit erzielt wurde. Das war wenig, aber da man es damals in Darmstadt so darzustellen wußte, als sei der Gründer und bisherige Geschäftsführer, Dr. Oskar Jancke, auch der Bremsklotz gewesen, schien die Bitte um noch etwas Geduld nicht unbillig.

Inzwischen hat aber gerade Oskar Jancke, nunmehr als Vizepräsident, versucht, die Akademie weiter zu aktivieren und hat auch (in der „Zeit“ vom 9. April, Nr. 15) positive Vorschläge gemacht. Doch das hatte nur die Wirkung, daß die sachlichen Differenzen sich nun persönlich zuspitzten. Das Präsidium berief zum 4. Juni nach Essen eine Tagung ein und setzte auf die Tagesordnung unter anderen den Punkt „Das Verhältnis der Akademie zu Dr. Oskar Jancke“. Dieser Punkt wird aber wohl nicht verhandelt werden können, denn Dr. Jancke ist inzwischen aus der Akademie ausgetreten. „Interne Differenzen“ nennt man so etwas, wenn man nicht möchte, daß die Öffentlichkeit aufmerksam wird. Aber die Öffentlichkeit kann verlangen, daß man ihr sagt, warum die Deutsche Akademie sich seit dreiviertel Jahren, statt mit der deutschen Sprache, mit ihren internen Differenzen beschäftigt.

Ein Grund dafür ist leicht zu erraten: die Deutsche Akademie hat kein Geld, um der deutschen Sprache zu helfen. Sie hat keinen Etat. Das ist weder Schuld des alten noch des neuen Präsidiums, sondern der Kulturbehörden in der Bundesrepublik. Die „Synchronoptische Weltgeschichte“ wurde blitzschnell finanziert und hat einige Hunderttausende glatt verschlungen. Aber für die deutsche Sprache hat man weder in Wiesbaden noch in Hannover, weder in Hamburg noch in Bremen auch nur ein paar Zehntausender übrig.

Wenn dies ein Grund ist – warum wird es nicht endlich gesagt? Die wüste französische Sprache um 1630 fand einen Richelieu, der die „Académie française“ ins Leben rief. Wir haben keinen Richelieu. Wir haben aber Kultusminister. Und die sollte man von Essen aus kräftig herausfordern. C. E. L.