Feldmarschall Albert Kesselring nennt sein Memoirenbuch „Soldat bis zum letzten Tag“ (im Athenäum-Verlag, Bonn). Schon der Titel zeigt, daß es sich hier nicht nur um ein militärwissenschaftliches Werk handelt, sondern genau so um ein Buch, das bestimmte Postulate vertritt, bestimmte menschliche Handlungen darstellt und fordert. Kesselring war Armee- und zuletzt Heerführer auf verschiedenen Kriegsschauplätzen. Seine militärischen Erinnerungen zu lesen, wäre sehr interessant gewesen, hätte er sich auf sie beschränkt und nicht außerdem die Rechtfertigung einer Haltung versucht, die, wenn sie bis in die letzte Konsequenz getrieben wird, nicht mehr zu rechtfertigen ist.

Befehl ist Befehl! Dieser ebenso lapidare wie dumme Satz hallt durch die ganzen 475 Seiten – bis zum letzten Tag. Es hat in der Geschichte der preußischen und auch der deutschen Armee nicht an Beispielen gefehlt, wo sture Befehlsbefolgung ersetzt worden ist durch eigenes Verantwortungsgefühl zum Besten des Vaterlandes. Es hat andere Beispiele gegeben, wo Männer von ihrem Posten abtraten und auf Orden, Marschallstäbe und Karriere verzichteten. Ihr besseres Wissen, ihr Gewissen befahl ihnen, fernerhin nicht Hilfsstellung zu leisten beim Sprung in den Abgrund. Der Generaloberst Beck war ein solcher Mann. Er bleibt in dem Buch unerwähnt, während der Fall Fritsch vorkommt – mit wohlwollender Motivierung des Verhaltens von Hitler.

So zum Beispiel reagiert der deutsche Armeeführer Kesselring bei Kriegsausbruch: „Ich nahm die mich nicht unmittelbar berührenden Vorgänge, wie die erwartete Kriegserklärung Englands undFrankreichs am 3. September 1939 lediglich zur Kenntnis, die wurden in mir abgekapselt.“ Und weiter: „Er (Hitler) sprach lange in beherrschter Ruhe... Man mußte schon ein uferloser Optimist sein, wenn man etwas anderes annehmen sollte, als daß England die kriegerische Lösung der deutsch-polnischen Frage als eine nicht mehr gutzumachende Brüskierung ansehen sollte.“ Und weiter: „Wenn ich auch der Ansicht war, daß die Luftflotte oder die Wehrmacht im ganzen trotz ihrer nur sehr-bedingten Kriegsbereitschaft ihre Überlegenheit Polen gegenüber beweisen würde, so war doch die deutsche Wehrmacht der Rüstung Rußlands nicht gewachsen.“

Doch vergessen wir nicht – Befehl ist Befehl! Zwar finden sich derartige Beweise eigener früher Erkenntnis mehrere in dem Buch. Nirgendwo aber steht ein Satz, in dem der Autor die Frage: – Wo endet der Kadavergehorsam und wo beginnt das Verantwortungsbewußtsein wirksam zu werden, wenn nicht in den höchsten Kommandostellen? – sich zumindest einmal vorlegt...

Freilich war sein Verhältnis zum „Führer“ ausgezeichnet: „Ich habe trotz der großen Rückschläge nie einen Vorwurf bekommen, sicherlich aus dem Empfinden heraus, daß die Lage im Westen für eine durchgreifende Besserung zu weit vorgeschritten war.“ Oder: „Noch am 12. April 1945, bei meinem letzten Vortrag bei Hitler, hatte er eine optimistische Auffassung. Inwieweit er dabei schauspielerte, ist schwer zu ergründen.“ Und dann, am 20. April, als bereits alles zu Ende war, heißt es: „Ich entschied mich abermals für ‚Durchhalten‘. Die Befehle vom Führerhauptquartier, die mir zugingen, waren so fordernd und dringlich, daß man als Soldat nicht ‚selbständig‘ handeln durfte.“

Und dies ist Kesselrings Verhältnis zur NSDAP: „Ich vermied jede persönliche Berührung mit der nationalsozialistischen Partei, bis sie 1933 sozusagen gesellschaftsfähig wurde.“

Anerkennung verdient das Buch als militärisches Quellenwerk, Aufbau und Tätigkeit der Luftwaffe, später die Ereignisse auf den einzelnen Kriegsschauplätzen, besonders in Italien und Afrika, der Sturz Mussolinis sind fesselnd dargestellt, zumal man sie hier zum erstenmal aus authentischer Quelle vernimmt. Gerade aber, weil dieses Buch das erste seiner Art überhaupt ist, wäre es besser gewesen, darin auf alle Reflektionen der oben zitierten Artzu verzichten. So bleibt es bei aller Anerkennung der großen fachlichen Qualitäten dieses Mannes fragwürdig in seiner Tendenz, ein Memoirenbuch, das wir verneinen müssen, weil seine Bejahung ein Non-plus-ultra alles dessen wäre, was hinter uns liegt. Heinz Hell