Auch in Hinterhäusern wohnen Menschen. Wüßten wir das nicht vom wirklichen Leben her, so würden wir es ständig in modernen Romanen erfahren. Dieses Milieu also ist in dem Roman Elisabeth Kaisers „Der Baum im Asphalt“, (Victoria-Verlag, Stuttgart) nichts Besonderes. Auch der Stil ist eher konservativ als salopp. Die Handlung spielt in Hamburg. Sollte man aber an Jürgens oder Kiesel denken – nein, mit einem Heimatroman hat das nichts zu tun. Die Menschen sind nicht typisch hamburgisch, nicht einmal typisch deutsch – und das ist bei einem deutschen Unterhaltungsroman beachtlich. Elisabeth. Kaiser reiht Szenenbilder aneinander, kurze, pointierte Episoden von verkorksten Malern, buckeligen Buchhaltern, betrunkenen Kunsthändlern, von unberührten und zuviel berührten Mädchen. Aber eine Figur, die nur wenig in Erscheinung tritt (und dadurch allerdings auch in ihrer Wirkung weniger plastisch ist), ein alter Mann, webt und verwebt diese Schicksale zu einer Einheit,

Doch sind es fast allzu viele Schicksale, die hier zusammen- und auseinanderlaufen: Da ist der Hausverwalter, der in seinem freudlosen Dasein nichts anderes kennenlernte als Verachtung und Abscheu, der auch an die Liebe nicht mehr glauben will. Da ist der weltgewandte Mann, unbefriedigt und gelangweilt, der hofft, ein junges Mädchen könne ihn retten, und der dann schließlich ratlos zusehen muß, wie dieses Mädchen so viele Ideale hat, daß sie sich noch Hilfsbedürftigeren verschreibt. Da sind noch vier, fünf weitere Einzelschicksale, die ebenso spannend und intensiv um die Pole „Liebe“ und „Selbstsucht“ kreisen.

Der „Baum im Asphalt“ ist das Symbol zwischen gestriger Urwüchsigkeit und heutiger Zivilisation, aber er ist noch mehr: er ist die Silhouette jener Kraft, die trotz des dickflüssigen, erstickenden Teerbelags unserer Wege die menschlichen Wandlungen, unsere Wanderungen beeinflußt. Als Racheengel oder als Schutzgeist; nicht wie es gewünscht – aber wie es verdient wird. Wilhelm G. Dittmer.