Von Paul Schütz

Paul Schütz, der Hamburger Theologe und Philosoph, der vor einem Jahr seine Ämter als Hauptpastor und Hochschulprofessor niederlegte, da er nur noch die altchristlichen Symbole anerkennen kann, erhielt soeben einen Forschungsauftrag von der neugegründeten Hamburger „Klopstock-Stiftung“. Der Gedenktag der Einnahme Konstantinopels durch die Türken (1453) gibt Schütz Veranlassung, die Folgen der Spaltung in östliches und westliches Christentum zu betrachten.

Die politische Aufspaltung der Welt in eine östliche und eine westliche Hemisphäre scheint so sehr das endgültige Zeichen dieser unserer kleingewordenen Erde zu sein, daß wir uns darüber hinaus heute nur schwer eine andere Sinnfigur unseres geschichtlichen Schicksals vorstellen können. Daß diese Spaltung ihre Wurzel im engen Raum der frühen christlichen Universalmonarchie hat, ist dem allgemeinen Bewußtsein entschwunden. Es ist die Rivalität zwischen Byzanz und Rom gewesen, die den Riß in die Struktur Europas hineinsprengte. Sie riß 1054 in den gegenseitigen Bannsprüchen der lateinischen und der griechischen Religionspartei das Imperium in zwei Hälften und damit auch die Christenheit in zwei Trümmerstücke auseinander. Daß im Jahre 1453 – am 29. Mai – Mohammed II. mit fünfzigfacher Übermacht Konstantinopel stürmte, ist nur die äußere Folge der lange vollendeten inneren Zerstörung gewesen. Es war das Ende der einen Christenheit.

Seitdem genügten, wir „Abendländer“ uns selbst. Vor allem genügte der abendländische Christ sich selbst. Er vergaß seiner anderen Hälfte. Seltsam, die nachwirkende Kraft von auf Altären niedergelegten Flüchen! Byzanz zog sich in das Dunkel der Slawenwelt zurück, und erst heute beginnt das Bewußtsein davon bei uns zu dämmern, welch unermeßlicher Verlust an Wahrheit die abendländischen Kirchen mit dem Verlust ihrer östlichen Bruderhälfte getroffen hat, wie auch umgekehrt den östlichen Christen der abgetrennte Weg in die Region unermeßlicher Leiden hinwegführte. Hier liegt das Gesetz des Ursprungs für das Gesamtschicksal des zerstückten europäischen Kontinents.

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1054 – 1453 – 1953! Man muß die Weltverhältnisse heute unter dem Horizont des Jahrtausends zu sehen versuchen. Das Abendland ist nicht Europa. Europa ist beides, Abendland und Morgenland, selbst noch zerstückt. Vielleicht sehen wir diese Dinge in Deutschland leichter, als es anderswo möglich ist, weil wir mit offener Wunde an der Bruchstelle bluten.

Schön in der Frühe des Zeitalters, nach Christi Geburt wurde diese Einheit mit so furchtbarem Schlage auseinandergetrieben, daß die Hälften sich auseinanderlebten, vergäßen, daß sie Hälften waren, und aus diesem Hieb in die Wurzel die östliche und die westliche „Welt“ erwuchsen. Die griechischen Kirchen haben das mythische Element aus der „Einmütigkeit des Glaubens“ losgesprengt und mit sich in die Katakomben des Leides hinabgenommen. Wie wollten sie dort anders, überstehen als im Zeichen des Gottmenschen, der sich aus dem blutgetränkten Staube der slawischen Erde als der Auferstandene erhob! Zugleich aber des Logos der lateinischen Bruderhälfte entratend, fiel das Ostland mit dem gleichen mythischen Elemente dem Erdstoff anheim, der Schwere der Tiefe, der Breite des Raumes im größten Kontinent. So aber dem Element der Erde verfallen, nun erst recht hilflos dem westlichen Logos preisgegeben, bot es in seinem unermeßlichen Kräftefeld die ungeweckten chthonischen Gewalten mit wahrer Inbrunst dem rationalen Dämon des Abendlandes zur Organisation und Technisierung seiner urträchtigen Massen und Stoffe dar.