Es geht auch ohne Anspruch auf Tiefe – Zur Schweizer Ausstellung in Baden-Baden

Von Martin Rabe

In der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ist – bis zum 28. Juni – eine Ausstellung „Schweizer Kunst der Gegenwart“ zu sehen. Sie ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, einmal aus rein ausstellungstechnischen Gründen – wie sie nämlich zusammengestellt und gehängt worden ist – und ferner um der Werke willen, die in ihr gezeigt werden.

Der Konservator des Basler Kunstmuseums, Dr. Georg Schmidt, hat in seiner Vorrede zum Katalog erzählt, wie die Auswahl zustande gekommen ist. Sie ist, so schreibt er, von zwei Männern vorgenommen worden, von ihm selber und dem Maler Erwin Heinrich, der zugleich Vorsitzender der Badischen Sezession und Leiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden ist. Sie haben sich die Arbeit geteilt: Schmidt, als Schweizer, stellte eine Liste derjenigen Künstler auf, die seiner Meinung nach für die Schweizer Kunst seit Hodler repräsentativ sind, und Heinrich wählte danach von jedem der Vorgeschlagenen diejenigen Werke aus, die ihm für den Künstler selbst, wie auch für die Entwicklung der Schweizer Kunst in den letzten fünfzig Jahren charakteristisch erschienen. Er hat dabei nach Möglichkeit Werke aus öffentlichen und, privaten Sammlungen zusammengetragen und, nur wo dies nicht gelang, auf das zurückgegriffen, was gerade im Atelier des Künstlers vorhanden war. Und noch etwas anderes hat die Auswahl beeinflußt: der Zuschnitt der Räume in der Kunsthalle in Baden-Baden; Man wollte nämlich von jedem der ausgestellten Künstler eine geschlossene Folge seiner Werke zeigen, um-seiner Individualität gerecht zu werden und jenes übliche Durcheinander heutiger Kunstausstellungen zu vermeiden, das den Betrachter so leicht ermüdet. Auf diese Weise haben auch der verfügbare Raum und die beabsichtigte Hängung die Auswahl der Werke beeinflußt.

In der Schweiz hat es über diese Ausstellung in der Künstlerschaft manches Murren gegeben. Vor allem die Anhänger der jüngsten Richtung in der bildenden Kunst haben sich beklagt, daß sie zu kurz gekommen seien und daß infolgedessen im Ausland der Eindruck entstehen müsse, die Schweizer Künstler seien hoffnungslos unmodern. Georg Schmidt ist in seinem Katalogvorwort diesen Vorwürfen entgegengetreten. „In einer Ausstellung, die den Titel trägt (Schweizer Kunst der Gegenwart’, darf“, so schreibt er, „die Kunst der Schweiz nicht moderner dargeboten werden, als sie es tatsächlich ist.“ Und, so fährt er fort, es dürfe auch nicht verschwiegen werden, in welchem Maße sie an gemeineuropäischen Bewegungen teilhabe. Um so mehr werden wir fragen müssen, ob denn an diesen Kunstwerken, die in Baden-Baden gezeigt werden, etwas ist, das wir Deutsche nicht so sehr als europäisch, sondern als spezifisch schweizerisch empfinden.

Es wird nichts vorgetäuscht

Am besten kann man wohl diese Frage an Hand der Beispiele gegenstandsloser Malerei und Plastik beantworten, da hier im Spiel farbiger Formen und Linien das Schweizerische sich nicht im Sujet – der Berge, des bäuerlichen Lebens und dergleichen – demonstrieren kann. Bei diesen Werken nun fällt dem deutschen Betrachter sogleich eine augenscheinliche Zurückhaltung auf. Hier wird nicht prätendiert, Weltanschauliches, noch dazu mit dem Anspruch auf Tiefe, darzustellen. Da ist das charmante Liniengespinst der Sophie Täuber. Es ist im Graphischen wie im Malerischen sehr aufgelockert und rein ornamental. Nicht anders verhält es sich mit den Bildern Leo Leuppis. Nirgendwo wird vorgetäuscht, hier werde bisher Nichtgeschautes als letzte Essenz der realen Welt gezeigt. Im Gegenteil, diese Bilder sind der Ausdruck einer Resignation, die nach dem Bemühen der Impressionisten, Kubisten und Expressionisten, die Realität aufzulösen, keinen anderen Weg mehr sieht, als sich jeder Wiedergabe von Objekten zu entschlagen. Nicht anders ist es mit den reizvollen Drahtbildern Walter Bodmers, die vor einfarbigem bemaltem Holz zierliche, völlig meinungslose kalligraphische Gespinste aus Draht zeigen. Bei Max Bill, dem Maler und Bildhauer, ist dies um einen Grad verschieden, seine Darstellungen nämlich sind weniger verspielt und in erster Linie vom Intellekt bestimmt. Daher kommt es auch, daß er häufig im Maßstab fehlgreift. Seine Plastiken sind stark vergrößerte Goldschmiedearbeiten, seine großen Bilder würden als kleine Aquarelle gewiß reizvoll sein.