Die letzte Monarchie hat am Tage der Krönung von Elizabeth II. ihr Fest gefeiert. Rings um die britische Monarchie hausen im englisch-niederländisch-skandinavischen Grenzgürtel Europas die letzten Könige der Welt (sechs von den sieben, die es in Europa noch gibt). Von der britischen Monarchie fast allein geht noch der Glanz eines Königtums aus, das in einem tiefen und großen Sinn sich von Gottes Gnade fühlt. Es ist die letzte Monarchie der Welt fürwahr.

Das 19. und 20. Jahrhundert hat ein großes Sterben der Monarchien erlebt. Bis zum ersten Weltkrieg zwar führte die französische Republik ein einsames Dasein zwischen den Monarchien Europas und kam sich selbst fast ein wenig trotzig und frevelhaft vor. Der Glanz der alten Fürstengeschlechter war noch so groß, daß man den neuen Staaten des Balkans fremde Könige geben konnte und – daß es sogar gut ging. Die große tödliche Krise begann mit dem ersten Weltkrieg. Die drei großen Monarchien Europas – die Zaren, die Habsburger und die Hohenzollern – gingen über Nacht dahin. Im zweiten Weltkrieg und nachher ging der republikanische Wirbelsturm über den Süden und Südosten Europas hinweg und zerbrach dort die Throne, Italien, Rumänien, Bulgarien und Jugoslawien wurden Republiken, während Griechenland nach vielen Wechselfällen als einzige monarchische Oase zurückblieb. Europa war republikanisch geworden, in einsamer Große blieb nur die britische Monarchie zurück, die letzte Monarchie.

Die letzte Monarchie! Denn es zeigte sich bald – das ist auch das große Erlebnis des 2. Juni 1953 –, daß die Monarchie wahrhaft nur denkbar ist als ein Lebendes und Organisches. Sie lebt aus den geheimnisvollen Kräften der Überlieferung. Sie bedarf des Fluidums der Vergangenheit. Ihr Zauber erlischt, wenn die Kette zerrissen ist. Wenn einmal der lebende Zusammenhang durchbrochen und die Kontinuität zerstört ist, wenn die Traditionen erlöschen, dann läßt sich die Monarchie nicht mehr – gleichsam aus dem Nichts – herstellen. Monarchen, die aus dem Dunkel des Sturzes, des Exils und der Ohnmacht noch einmal die Stufen zum Thron emporsteigen, kehren nur als Cäsaren zurück. Der Glanz gestürzter Monarchien schwindet rasch wie die Leuchtfarbe von Quallen, die ans Land gespült werden.

Das Wunder der englischen Monarchie ist in der Tat ihre Geborgenheit in einer tausendjährigen Vergangenheit. Es ist das Wunder des englischen Staates und des englischen Volkes. Großbritannien ist das einzige Land Europas, das sein Mittelalter behalten hat. Es ist das Land ohne Revolutionen. Die Revolution von 1640 bis 1660 heißt bei den Engländern „die Revolte“, und sie war in der Tat ein farbiges Zwischenspiel. Sie vermochte den Strom der Entwicklung nicht zu unterbrechen, und England erlebte 1660 die einzige Restauration der Weltgeschichte, die geglückt ist und Bestand gehabt hat.

Nie hat das britische Volk wahrhaft neu angefangen. Die Form des Daseins war immer ein Vermächtnis und ein Erbe der vorangegangenen Generation. Das britische Volk hat sich daher selbst gescheut, sein Verfassungsrecht (und sogar sein bürgerliches und Strafrecht) geschlossen aufzuzeichnen, weil ihm das als ein „Machen“, als ein zu jähes Neubeginnen erschien und weil es selbst den Anschein meiden wollte, als seien Gesetz und Ordnung „von heute“. Was unter Königin Elizabeth I. galt, gilt zu einem nicht einmal geringen Teil auch unter Königin Elizabeth II. Es ist ein Wunder der Kontinuität der Lebensform und des Rechts. Die Monarchie selber weist ja gar keine so ungebrochene Folge auf. „Das Blut versagt immer wieder“, wie es ein großer englischer Historiker ausgedrückt hat. Die Dynastien erloschen immer wieder. Ein Geschlecht folgte dem andern: die Tudors, die Stuarts, die Oranier, die Hannoveraner, die Koburger. Um die dynastische Legitimität bei der Thronbesteigung der Tudors, der Stuarts und der Hannoveraner war es nicht sehr glänzend bestellt. Unsterblich war nicht das Königsgeschlecht; unsterblich waren Recht und Gesetz. Über den einzelnen Dynastien wölbte sich die nationale Ordnung, kraft derer Kronen genommen und gegeben wurden.

Das britische Volk ist darum auch fast das einzige, das ganz eins und einig mit seiner Vergangenheit ist. Ein großer Franzose mochte sagen, daß er alle Vergangenheiten Frankreichs bejahe. Aber das gilt nur für die fernen Vergangenheiten Frankreichs. Aus der Ferne klingen ja alle Glocken zusammen. Die Deutschen wiederum taumeln von Katastrophe zu Katastrophe, und ihnen versinkt dabei immer wieder die Vergangenheit und wird ihnen zum Feind. England hat keine Vergangenheiten. Es hat eine Vergangenheit, eine einzige, lebende Vergangenheit.

Die alten Lebensformen Englands konnten diese Kraft der Beharrung haben, weil das britische Volk eine andere Beziehung zu den dunkleren und elementareren Kräften des Daseins behalten hat als die kontinentalen Völker Europas. Großbritannien hat die große Entzauberung und den gewaltigen Säkularisationsprozeß der Moderne nicht in diesem Umfang mitgemacht. England ist ein Stück Mittelalter geblieben, das sich in den Meeresfluten konserviert hat. Es ist christlicher geblieben als alle übrigen Völker Europas. Die Krönung als sakrale Handlung wird mit einer nirgends sonst in Europa möglichen Selbstverständlichkeit hingenommen. Dieser Rest mittelalterlicher Gläubigkeit hat bei den Engländern ein Mißtrauen gegen die reine und kalte Vernunft erhalten. Daß das Leben immer klüger ist als der Verstand, ist eine tiefvurzelnde Überzeugung des englischen Volkes. England meint, daß in der gewordenen, durch Jahrhunderte geprägten Ordnung mehr „Vernunft“ stecke als in einem ausgeklügelten Dokument. Das englische Beispiel beweist, daß ein Volk einer gewissen Frömmigkeit bedarf, wenn es in einem Lande eine als unverbrüchliches Gesetz befolgte Ordnung geben soll. Einem Volk müssen Dinge und Werte in einem tieferen und weiteren Sinne „heilig“ sein.