Kürzlich haben vier US-Industrielle in Frankreich einige Werke der Eisen- und Stahlindustrie und der Chemie besichtigt. Sie haben im Anschluß an die Inspektionsreise der französischen Zeitschrift „Le Nord Industriel et Commercial“ ihre Eindrücke übermittelt. Wenn auch manches an kritischen Bemerkungen speziell an die Adresse der besichtigten Unternehmen und Branchen in Frankreich gerichtet sein sollte, so erscheinen uns doch einige Bemerkungen genau so gut auf zahlreiche deutsche Firmen „maßgerecht“ zu passen...

Wir zitieren aus der amerikanischen Kritik einige Punkte, wie sie die französische Zeitschrift ihren industriellen Lesern vorsetzt. Danach verfüge Frankreich zwar über eine ebenso starke Schicht von Unternehmern wie die USA, aber die technischen Kenntnisse der industriellen Geschäftsführer Frankreichs seien weit weniger fortgeschritten. Man habe vielfach eine gewisse Abneigung gegenüber Neuerungen festgestellt, deren Übernahme in den eigenen Betrieb meist als „unmöglich“ abgelehnt wurde.

Ferner fiel den Amerikanern auf, daß die Verantwortung in den großen Betrieben zu wenig aufgeteilt sei. Zwischen Produktion und Verteilung fehle die umfassende Abstimmung, die wesentlich für die Produktivität sei. Auch kümmere sich der französische Industrielle zu wenig um die Wünsche der Verbraucher. Man habe kaum langfristige Pläne in der Produktion entwickelt; die Wirtschaftsführung der Betriebe hänge zu sehr am Traditionellen, anstatt von nüchternen Tatsachen auszugehen; Marktuntersuchungen der eigenen und verwandten Branchen würden zu wenig gepflegt.

Sodann kommt der Bericht auf einen Punkt zu sprechen, der auch in Deutschland ein schwer überwindbares Übel darstellt: „Die Publizität der Unternehmungen ist zu schwach Frankreich halte an der verfehlten Tradition fest, geschäftliche Dinge geheimzuhalten, anstatt mit ihnen Publicity zu treiben. In den USA dagegen, so erklärten die Amerikaner, sei Publicity eine besondere Form der Investition. In Frankreich betrachte man sie als eine zusätzliche Belastung, wodurch sich – nach französischen Berechnungen – die Allgemeinkosten eines Betriebes bei den Rohstoffen um 3 v. H., bei Konsumgütern um 5 bis 10 v. H. und bei Luxusgütern um 15 v. H. erhöhen würden.

Die Amerikaner dagegen verstärkten den Firmenetat für Publicity, wenn der Verkauf sich abzuschwächen beginne, während in Frankreich in diesem Falle der publicity-Etat radikal gestrichen werde. Sicherlich sei, so erklärten die vier US-Industriellen in der französischen Zeitschrift, die publicity schon fast eine Spezialwissenschaft geworden, zumal der Käufer nicht immer auch zugleich der Verbraucher sei. Diese Feststellung dürfte zunächst überraschend wirken. Aber das Beispiel, das in diesem Zusammenhang genannt wird, wirkt so verblüffend, daß gesagt werden darf: auch in der deutschen Wirtschaft sollte auf diesem Gebiet eindringlicher als bisher Marktuntersuchung betrieben werden. Die Amerikaner erwähnten nämlich, daß z. B. 60 v. H. aller in den USA gekauften Herrenhemden von Frauen, ferner 31 v. H. aller Damenseidenstrümpfe von Männern gekauft würden. Die publicity, die sich meist nur an den Käufer wende, müsse daher zu unterscheiden lernen, mit wem man es eigentlich als Käufer zu tun habe, ob Mann oder Frau, und sie müsse dann dort die Werbungsmittel entsprechend einsetzen. Offenbar eine Binsenwahrheit. Aber wer hat sie wohl in Deutschland bereits erkannt und auch zur Lehrmeisterin seiner Firmenpublicity gemacht? Sicherlich noch nicht allzu viele Betriebsleiter! Rlt.