Acht Wochen, bevor in Bayreuth die Fanfaren wieder zum Festspiel auf dem Grünen Hügel rufen sollen, wurde die Öffentlichkeit durch einen Dirigentenwechsel an entscheidender Stelle überrascht. Die Tatsache, daß Hans Knappertsbusch die musikalische Leitung des „Ring“ und „Parsifal“ niedergelegt habe, kann nach Art diplomatischer Kommuniques nur notdürftig mit „gesundheitlichen Gründen“ verdeckt werden. Es hat also nichts genützt, daß die Stadt Bayreuth vor kurzem nochdurch eine außergewöhnliche Ehrung Knappertsbusch zu binden versucht hatte. Er ist genau so gegangen wie nach dem ersten Jahre Furtwängler, nach dem zweiten Jahr Herbert v. Karajan Bayreuth verlassen haben und für das dritte Victor de Sabata eine Absage erteilte. Knappertsbusch war der letzte Wagnerdirigent von Rang, der, auch wenn er noch so wenig von Proben hielt, wenigstens den musikalischen Stil zu wahren verstand.

Festspieldirigenten in Bayreuth sind nun Josef Keilberth, Eugen Jochum (Tristan) und Clemens Krauss. Keilberth, der ein bedeutender Musiker ist, mußte sich im vergangenen Sommer den „Ring“ in Bayreuth zum erstenmal erarbeiten. Er wurde dabei auch von Kreisen, die Wieland Wagner nahestehen, derart angegriffen, daß man den „Ring“ in diesem Jahre Hans Knappertsbusch übertragen hatte. Nun wurde Keilberth, der auch den „Lohengrin“ neu einzustudieren hat, abermals als Helfer in der Not wenigstens mit einem „Ring“-Zyklus betraut.

Eine Sensation bedeutet das Bayreuther Debut von Clemens Krauss als Dirigent des „Parsifal“ und des anderen „Ring“-Zyklus. Ein Mann von dem unbezweifelbaren Weltrang, den Krauss als Strauß-Spezialist, als Mozartdirigent und als ehemaliger Leiter der Opernhäuser von Frankfurt, Wien und München auch in organisatorischer Hinsicht genießt, muß selber ganz genau wissen, welche Fehlbesetzung er an einem Dirigentenpult ist, wo der späte Wagner wenigstens musikalisch maßstäblich dargestellt werden sollte. Daß Krauss dem Rufe dennoch folgte – vor der Öffentlichkeit etikettiert mit einem um Jahre den Ereignissen in Wien vorauseilenden Titel als Leiter der neuen Wiener Staatsoper –, das erinnert nicht ohne Peinlichkeit an Richard Strauß. In den Erinnerungen von Fritz Busch kann man nachlesen, wie charaktervolle Persönlichkeiten von der Bedeutung eines Fritz Busch, Toscanini und Bruno Walter die Bereitschaft von Richard Strauß, seinen Namen wiederholt in eine durch tapferen Widerstand aufgerissene Bresche zu werfen, geradezu als Dolchstoß empfunden haben. Wie einsam muß es um Clemens Krauss geworden sein, daß er, nervös durch eine seinen Intentionen zuwiderlaufende Entwicklung in Wien, bereit ist, auch charakterlich seinem Meister Strauß zu folgen. Genie und Talent sind offensichtlich auch auf höchster Ebene nicht immer mit ethischer Selbstzucht zu vereinbaren.

Bayreuth hat eine Krise, die nun auch auf musikalischem Gebiet für die Öffentlichkeit sichtbar geworden ist, durch das Engagement eines berühmten Namens gelöst. Clemens Krauss aber kam dabei sein Gesicht verlieren. J. J.