Krise der FDP in Nordrhein-Westfalen – Die Naumann-Affäre und der Fall Middelhauve

B. E. Hagen, Anfang Juni

Um das eigentlich industrielle Herz des Ruhrreviers ist ein breiter Kranz von kleineren und mittleren Fabriken gelagert: aus grünen Tälern ragen ihre Schornsteine auf. Da sind die Städte Hagen, Gevelsberg, Haspe und Schwelm, wo ein tüchtiges individuelles Unternehmertum das Fundament des allgemeinen Wohlstandes bildet. Ein Typus, der im neunzehnten Jahrhundert durch den Geist des Liberalismus geprägt wurde. Den reinen Typus des Liberalen gibt es heute nicht mehr. Aber wir müssen von ihm sprechen, weil es sich hier um eine Landschaft handelt, die gleichsam ein politisches Gepräge trägt: In den Bergen nahe der Ruhr besitzt der Liberalismus eine echte, lebendige Tradition.

Im Wahlkreis Hagen war einst Friedrich Wilhelm Harkort, der Frühliberalist, der wagemutige Unternehmer und Mitbegründer des Ruhrgebietes, als Abgeordneter der Fortschrittspartei gewählt worden. Sein politisches Erbe hat er dann an Eugen Richter aus Düsseldorf weitergegeben, der ebenfalls Hagen als Abgeordneter der Fortschrittspartei vertrat. Das waren die „Ahnen“, und in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg ist in diesem Kreis selten eine Rede gehalten worden, die nicht Eugen Richter zitierte. Nach dem zweiten Weltkrieg waren die Bilder Harkorts und Richters zwar verblaßt, und dennoch glaubten die späten Erben, daß, nachdem die Nacht des totalen Staates mit seiner Willkür vergangen war, ein neuer Morgen des Liberalismus über den Ruhrtälern heraufziehen werde.

Frischer Wind und alte Ideale

In Gevelsberg und den anderen Städten fand man sich zusammen und überlegte, was zu tun sei. Der geistige Kopf war der Fabrikant Paul Brinkmann, ein alter Demokrat. Er bildete mit einigen Freunden in Ennepe-Ruhr-Kreis eine politische Gemeinschaft, die Anschluß bei den Freien Demokraten Theodor Heuss’ und Franz Blüchers fand. Die Freunde um Paul Brinkmann entwickelten bald eine beachtliche Aktivität, auch über die Politik des Tages hinaus. Sie gründeten den „Rhein-Ruhr-Klub“, der ein Forum für eine höhere, geistige Diskussion abgeben sollte. Auch im nahen Wuppertal waren es Männer, die sich nach den Zeiten individuellen Unternehmertums zurücksehnten. Nun, die Zusammenkünfte all dieser Unternehmer waren in der Tat oft von lebendigen Spannungen geladen. Man konnte den Eindruck haben, die seligen Zeiten Gustav Stresemanns dämmerten wieder auf. Doch je mehr man sich nach der Währungsreform um Geschäftssorgen kümmern mußte, desto mehr rückte das Interesse am, politischen Geschehen wieder in den Hintergrund.

In Opladen, der kleinen Industriestadt zwischen Köln und Düsseldorf, lebte Dr. Friedrich Middelhauve, Druckereibesitzer und Buchhändler. Auch er hatte bald Anschluß an die Partei des Essener Bankdirektors Franz Blücher gefunden. Middelhauve aber bekannte sich von Anfang an nur unter Einschränkungen zum geistigen Erbe Eugen Richters, vielmehr bildete sich in ihm eine verschwommene Ideologie von nationaler Sammlung, einem „gereinigten Nationalismus“ oder besser: einem schlechten Abziehbild der Nationalen Sammlungsbewegung de Gaulles.