Über das Pfingsttreffen deutscher und französischer Schriftsteller in Paris haben bereits mehrere der deutschen Teilnehmer an anderer Stelle berichtet (Rudolf Hagelstange in der „Neuen Zeitung“, Rudolf Krämer-Badoni in der „Welt“ und Hans Egon Holthusen in der „Süddeutschen Zeitung). Unser Pariser Korrespondent Nicolaus Sombart zeichnet das Bild aus dem französischen Aspekt.

Paris, im Juni

Es fing an mit einem wackeligen Lastauto, das eine Handvoll junger Leute an einem schrecklich heißen Maitag 1947 in einem kleinen bayrischen Dorf charterte, um rechtzeitig in der Blockhütte am Bannwaldsee zu Füßen der Burg Hohenschwangau einzutreffen, wo sie Asyl (und markenfreie Verpflegung) für ein Zusammentreffen finden sollten, von dem zunächst nichts weiter feststand, als daß es dringend stattfinden .mußte.

Was die jungen Leute vereinte, war außer der Tatsache, daß sie alle von ihrer Berufung zum Schriftsteller überzeugt waren, eine Zeitschrift, die soeben verboten worden war. Sie hieß „Der Ruf“, war von Alfred Andersch und Hans Werner Richter gegründet worden und hatte die Stimme für amerikanische Ohren zu laut in der Einöde der deutschen Lizenzpresse erhoben. Nun wollte man zusehen, was zu machen sei, um den in gemeinsamer publizistischer Arbeit gewonnenen Zusammenhalt nicht zu verlieren und sich mit neuen Mitteln Gehör zu verschaffen ... Man wollte es um der deutschen Literatur willen, von der man zwar unklare, aber dezidierte Vorstellungen hatte. Eines stand fest: es gab sie nicht, so, wie man sie wünschte. – Es galt sie also selber zu machen. Das große Zauberwort war: Avantgardismus. Es sollte soviel heißen wie: neu, jung, zeitnah und wahr ...

Die Gruppe 47 ...

Nach drei Tagen und drei Nächten hatte man nicht nur eine beträchtliche Portion Hechte aus dem Teich gefischt, sondern auch, einen Namen für die Vereinigten. Sie wollten sich fürderhin „Gruppe 47“ nennen. Die Presse mokierte sich weidlich über das Fähnlein der Unbekannten. Und doch geriet die Sache nicht, wie man hätte denken können, in Vergessenheit. Vielmehr bewährte sich die Formel von Bannwaldsee: alljährlich traf man sich ein bis zweimal wieder, um zu diskutieren, einander vorzulesen und Werkstatterfahrungen auszutauschen, an irgendeinem abgelegenen und malerischen Ort. Zu den alten Mitgliedern gesellten sich neue – es kam soweit, daß schließlich alles, was in Deutschland literarisch debütierte, Anschluß fand. Die Verleger ließen sich die Gelegenheit nicht entgehen und erschienen auf dem Treffen. Zu den einheimischen lud man ausländische Freunde. Holländer kamen und Österreicher, Schweizer und auch Franzosen ... Kurz, die „Gruppe 47“ florierte. Und siehe da, fast auf den Tag genau sechs Jahre nach ihrem Entstehen, hält sie Einzug in Paris! In dem großen, sagenumwobenen Paris, der Hochburg aller Literatur, der Kapitale Europas!

Das ist doch erstaunlich. Nun muß allerdings, um der Wahrheit die Ehre zu geben, gesagt werden, daß die meisten der jungen would-be Autoren von damals inzwischen wirklich auch geschrieben und ihre Bücher veröffentlicht haben. Die Namen von Alfred Andersch, Hans-Werner Richter, von Günter Eich und Heinrich Böll bekamen Klang, und es stellte sich heraus, daß an der „lächerlichen Gruppe 47“ doch etwas dran war.