Wir hörten:

Wer sich heute ein Superrundfunkgerät kauft, wird schnell von der Illusion geheilt, daß er sich je nach Lust und Laune aus der Programmzeitung eine Sendung aussuchen könne. Was der Wellenplan ihm noch nicht versperrt, das überdecken die sowjetzonalen Störsender. Die Programme unserer Rundfunkanstalten sind aber so verteilt, als ob es all diese Empfangsschwierigkeiten gar nicht gäbe. Als nach dem Kriege die deutschen Sender wieder in Betrieb genommen wurden, hat man – um ein Beispiel zu nennen – die Berichterstattung über Berlin dem NWDR zugeteilt, in der stillschweigenden Annahme, daß auch außerhalb von dessen engerem Sendebereich auf größeren Aparaten die Station Berlin nach Belieben zu empfangen sei. Das ist längst zur Fiktion geworden. Wieviele süddeutsche Hörer mögen wohl die Sendungen des NWDR Berlin zur Kenntnis nehmen? Eine Hörerbefragung des Stuttgarter Rundfunks hat ergeben, daß in Baden-Württemberg nur neun vom Hunden der befragten Hörer gelegentlich den NWDR einstellen. Ähnliches wird sich auch in München, Baden-Baden und Frankfurt ergeben: neunzig vom Hundert der dortigen Hörer erfahren nichts oder nur wenig über Berlin. Denn ihre eigenen Rundfunkanstalten verlassen sich auf den NWDR! Außerdem gibt es ja nun zwar den RIAS mit seinem starken Sender Hof, der laut Befragung von 15 v. H. der süddeutschen Hörer gelegentlich abgehört wird. Aber der RIAS dient weniger als der NWDR der Aufgabe, die Bundesrepublik über Berliner Ereignisse zu informieren, er hat seine Funktion als Propagandainstrument für die Sowjetzone und als Berliner Kulturinstitut (mit eigenem, besonders hervorragendem Sinfonieorchester, eigenem Kabarettstudio und eigener ausgedehnter Hörspielproduktion). So bleibt dem NWDR eine Art Monopol als Public-Relations-Organ Berlins für die westliche Welt. Das Funkhaus am Heidelberger Platz hat bestimmte Sendezeiten an jedem Tag und außerdem allwöchentlich das „Berliner Feuilleton“ und verschiedene Kommentare, die man von Flensburg bis Aachen auf der Mittelwelle hört, an der Donau aber und am Neckar kaum zur Kenntnis nimmt. Wäre das nicht ein Thema für die „Arbeitsgemeinschaft Deutscher Rundfunkanstalten“: Wie intensiviert nun den Kontakt zwischen Berlin und den Ländern der ehemaligen amerikanischen und französischen Zonen? Je mehr Berlin an die Peripherie rückt, weil die Bundesrepublik ihre eigenen Kulturzentren ausbaut, desto nötiger wird es, zu verhindern, daß Berlin ganz zum kulturellen Ausland wird. Es ist ja leider sowieso schon nicht zu leugnen, daß man bei uns im Westen die Berliner Dinge und Vorfälle mit einer gewissen Freude am Fernliegenden aufnimmt, und eine Sendung wie „Das Berliner Feuilleton“ mit ihrem Überblick über Berliner Kulturfragen und ihrem ständigen kabarettistischen Schlußdialog zwischen Patschke und Lctterbek (den Nachfahren von Müller und Schulze aus dem „Kladderadatsch“) wäre in der Zeit, als Berlin Reichshauptstadt war, kaum erforderlich gewesen, so wenig wie man heute daran denkt, ein „Hamburger Feuilleton“ für die Bayern oder ein „Münchener Feuilleton“ für die Rheinländer allwöchentlich ins Programm zu setzen.

Wir werden hören:

Donnerstag, 4. Juni, 20.00 vom Südwestfunk:

Das katholische Deutschland feiert Fronleichnam. Die meisten Sender haben am Vormittag Liturgien und Prozessionsberichte gebracht. Die Feier des Fronleichnam wurde von Papst Innozenz III. eingeführt, den Reinhold Schneider zu dem einen Helden seines Dramas „Innozenz und Franziskus“ gemacht hat. Gegenpol ist der heilige Franz von Assisi. Gert Westphal inszeniert eine Funkbearbeitung dieses Schauspiels.

20.10 vom NWDR: Auch aus Köln kommt ein Hörspiel zum Fronleichnamstag: Calderons von Hubert Rüttger zur erstenmal übertragenes sakrales Spiel „Des Menschen Unterhaltsprozeß mit Gott“, das von der Versöhnung durch die Gnade handelt. Bernd Alois Zimmermann schrieb Musik dazu.

Freitag, 5. Juni, 22.35 aus Frankfurt: