Kurz vor vier Uhr stellte Herr Ehlert sich am Schaufenster des Fischgeschäftes auf und wartete. Er betrachtete die eingetrockneten Augen der lücklinge, die milchig erstarrten der Dorsche und lang romantischen Vorstellungen von gefesselter Kraft nach beim Anblick der zwiefach gewickelten Drähte, die einem großen Hummer die Scheren banden. Herr Ehlert sah sich das Schieferdach des Hammerkopfes, die festen Flanken und die Beinchen im Gliederpanzer genau an. Er malte sich aus, Wie hübsch das Gesicht – er betrachtete jetzt einen Leckerbissen und nicht mehr das Tier – sich errötet auf einem blaubebilderten Fayenceteller ausnehmen müßte. In diesem Augenblick rollten unversehens zwei schwarze Kügelchen in paralleler Bewegung schräg über den Kopf des Hummers aufwärts. Sie hatten die Größe jener Glaskugeln, zwischen die in früheren Zeiten Beamte den Federhalter steckten, wenn sie ihn kurz aus der Hand legen mußten. Diese beiden blanken Kugeln aber wären Augen. Der Hummer sah Herrn Ehlert an, und Ehlert war es, der errötete.

Der kleine Schreck war übrigens im richtigen Augenblick gekommen, denn während er mißmutig überdachte, daß ihm seine Steuerzahlungen in diesem Jahre nicht mehr oft gestatten würden, Hummer zu essen, hatte Ehlert übersehen, daß es ver Uhr geworden war und schon die ersten Beamten das Finanzamt gegenüber dem Fischgeschäft verließen. Sie zu betrachten, wie sie bei Büroschluß aus dem säulenflankierten Portal hervortraten, war er nämlich hierher gekommen.

Mit der Summe, die er jährlich an Steuern zahle, ernähre er ganz allein, einen höheren Beamten, hatte ihm ein früherer Mitschüler gesagt, dem er, als sie sich zufällig wieder begegnet waren, in Form einer Klage über die Last der Steuern einen imponierenden Bericht von seinem Geschäft gegeben hatte. Dieser Schulkamerad – damals ein weitaus besserer Schüler als Ehlert – erzählte, er habe sich vor. einiger Zeit einen bestimmten Beamten ausgewählt, den er gewissermaßen erhalte. Diese Vorstellung, sagte er, mache ihm das Steuerzahlen leichter, da er nun ständig vor Augen sehen könne, wo sein Geld bleibe. Herr Ehlert hatte durch Zureden und indem, er eine Flasche Moselwein spendierte, herauszubekommen versteht, was für eine Art von Beamter durch, seinen Mitschüler ernährt wurde. Aber, er erfuhr nur, daß es, sich um einen Regierungsbeamten handelte, und nahm nun aufs Geratewohl an, dieser Mensch könne höchstensBürodiener sein. Es gehörte nämlich zu Ehlerts Lieblingsideen, daß der Erfolg im Beruf in umgekehrtem Verhältnis zu den Leistungen in der Schule stehe. Aber er gab vor dem anderen und vor sich selbst zu, wie ihm der Gedanke, das tote Geld in einem lebenden Menschen Auferstehung feiern zu lassen, imponierte, und noch an demselben Abend beschloß er, sich selbst diese seelische Stütze zu verschaffen und auch einen Beamten auszuwählen, den er durch seine Steuern zu ernähren künftig wähnen wollte. Zu diesem Zweck nun hielt er sich gegenüber, dem Finanzamte auf.

Hätte einer der Beamten, die das Gebäude bei Dienstschluß verließen, das Auto bestiegen, das schwarz und blank vor dem Ausgang parkte, Herr Ehlert würde ohne Besinnen seine Wahl auf ihn geworfen haben. Aber mit dem Wagen fuhr leider der Inhaber der Schlachterei davon, die sich neben dem Fischgeschäft befand. Die meisten Beamten wandten sich nach rechts zur Haltestelle der Straßenbahn. Ehlert sah sie nur flüchtig, aber da er mit Mänteln handelte, genügte ihm ein kurzer Blick, um die Gehaltsstufe des Betreffenden zu schätzen. Kein einziger trug einen Mantel, der von einem Einkommen in Höhe der Ehlertschen Steuerabgaben Kunde gegeben hätte. Als gar noch derjenige, dessen Kleidung den besten Eindruck machte, die Straße kreuzte und in dem Fischgeschäft drei Rollmöpse kaufte, erkannte Ehlert, daß er am falschen Orte wartete.

Nachdenklich ging er zum Parkplatz, bestieg seinen Wagen und fuhr durch die Dämmerung. Am Eingang der langen Straße, in der er wohnte, erlebte er gerade, wie die beiden Reihen der Straßenlaternen aufflammten. Er überlegte, ob er an Stelle eines Beamten vielleicht diese Lampen unterhalten sollte. Würde es ihm nicht vielleicht ein stolzes Gefühl geben, wenn sein Geld die Welt erhellte? Oder müßte ihn die Unruhe packen, wenn er täglich sähe, wie es in Hunderten von Lampen verbrannte? Wahrscheinlich würde es in wechselnden Stimmungen einmal dieses, einmal jenes empfinden, und Herr Ehlert ließ den Gedanken ebenso fallen wie den anderen, sich den Unterhalt von zehn gut uniformierten Verkehrspolizisten angelegen sein zu lassen. Er kam auf den alten Vorsatz zurück, einen einzigen hochgestellten Beamten zu suchen, dessen Existenz er künftig bestreiten wollte.

Er fand ihn einige Abende später bei einem offiziellen Festessen. Bei Tisch wurde von allen Seiten einem Manne zugetrunken, der, wie Ehlert von seiner Tischnachbarin erfuhr; der Minister war, dessen Bemühen man den Bau eines neuen Kinderheims verdankte. Übrigens hatten auf ihre Weise die meisten der Anwesenden ein Verdienst an diesem Heim. Herr Ehlert zum Beispiel hatte eine Geldsumme gespendet, die ihn davor bewahrte, den Sprung in eine noch höhere Steuerstufe zu machen. Es kränkte ihn anfangs ein wenig, daß niemand auf sein Wohl das Glas erhob. Aber nachdem er den Minister zu dem Beamten erwählt hatte, den er zu ernähren gedachte, meinte er dessen Ehrungen gleichermaßen auf sich beziehen zu dürfen. Herr Ehlert hätte gewiß seine Einnahmen nicht gegen die des Ministers eintauschen mögen, aber zweifellos würde der Minister sein Einkommen wiederum nicht für die Summe der Ehlertschen Steuern hingegeben haben. Ehlert, der ein schneller Rechner war, wußte das natürlich. Aber er vermied es, länger darüber nachzudenken und tröstete sich damit, daß Hochstapelei in diesem Falle ja nicht bestraft werden konnte. Schließlich hatte er nicht die Absicht, irgend jemandem zu erzählen, daß er einen Minister halte.

Von jetzt an bezahlte er seine Steuern pünktlich. Eine geringe Verzögerung, so schmeichelte er sich, möchte seinem Beamten schaden. Wie schnell ist ein Mensch der Ohnmacht nahe, wenn die gewohnte Mahlzeit ausbleibt! –