Auf der Jahrestagung des Deutschen Gas- und Wasserfachs in Stuttgart forderte Generaldirektor Dr. Heinrich Kaun die Beseitigung der staatlichen Preispolitik und die Aufhebung des Preisstops, damit die öffentlichen Versorgungsunternehmen wieder kostenecht kalkulieren könnten.

Die deutsche Gaswirtschaft, die in der Woche nach Pfingsten zu ihrer großen Jahrestagung in Stuttgart zusammengetreten war, hat ihre eigenen Probleme. Sie sind zu einem guten Teil darauf zurückzuführen, daß sie als ein wesentlicher Teil der Versorgungswirtschaft auf ein Gebietsmonopol für ihre einzelnen Werke nicht verzichten kann und so nicht den Gesetzen des Marktes untersteht, so daß ein Mißbrauch ihrer Monopolstellung denkbar ist. Es kann daher auf eine Staatsaufsicht nicht verzichtet werden. Die Gaswirtschaft ist aber auf der anderen Seite eine sehr dynamische Wirtschaft, deren technische und betriebswirtschaftliche Struktur sich sehr reagibel den von außen auf sie zukommenden Gegebenheiten anpassen muß. Sie bedarf daher der freien Entfaltungsmöglichkeit nicht weniger als andere Industriezweige. Wird ihr der Lebensraum durch hoheitliche Aufgaben stark eingeschränkt, so wie dies zur Zeit der Fall ist, dann muß sich dies als ein Hemmnis für die gesamte Wirtschaft auswirken, zumal die Gaswerke ja nicht nur die Bevölkerung versorgen, sondern auch eine für die industrielle Produktion lebenswichtige Grundindustrie darstellen.

Eine befriedigende Synthese zwischen Staatsaufsicht und wirtschaftlicher Freiheit ist für die Gaswirtschaft nicht mehr gegeben, seitdem ihr mit der Preisaufsicht und mit anderen Maßnahmen der Lenkungswirtschaft Fesseln angelegt wurden. Sie beklagt sich daher über ein zu großes Maß von hoheitlichen Auflagen und Bindungen, insbesondere empfindet sie es als erschwerend, daß eine Anzahl von administrativen und politischen Stellen eingeschaltet sind, die sie überwachen oder ihr Auflagen machen. Es kommt hierbei zu Maßnahmen und Anordnungen, die sich oft genug innerlich widersprechen und die den Bedürfnissen der Gaswirtschaft nicht in ausreichendem Umfang gerecht werden. Die Folge ist eine Herabsetzung der Leistungsfähigkeit und damit auf die Dauer die finanzielle Auszehrung der Betriebe. Die der Gaswirtschaft vom Staate angelegten Fesseln lassen keine zügige Entwicklung zu wirtschaftlich optimalen Betriebsformen zu. Der in den dreißiger Jahren sich ankündigende Konzentrationsprozeß in einer Verbundwirtschaft mit Ferngasversorgung und großen Stützpunktwerken in den Verbrauchsgebieten ist in der Nachkriegszeit nicht zur Entfaltung gekommen, was an sich hätte erwartet werden müssen.

Am drückendsten hat sich bisher die Preisaufsicht erwiesen, die zwar nicht verhindern konnte, daß die allgemeinen Kostenerhöhungen (insbesondere die für Kohle) die Gaswirtschaft in vollem Umfange trafen, die aber eine Anpassung der Tarife und der Preise der Gaswirtschaft an die so gegebene Kostensituation weitgehend ausgeschlossen haben.

Für die nächste Zukunft kommt hinzu, daß über das Monopolgesetz (einerlei, ob es zu einer Verbots- oder zu einer Mißbrauchsgesetzgebung kommt) wesensfremde Elemente in die Gaswirtschaft hineingetragen werden. Das Monopolgesetz dient seinem inneren Wesen nach der Sicherung der freien Konkurrenz, die es für die Gaswirtschaft aber nicht gibt und die für sie auch nicht zu schaffen ist.

Weiterhin werden die administrativen Maßnahmen der Hohen Behörde, deren Geschäftspolitik primär auf die MontanWirtschaft ausgerichtet ist, tief einschneidende Wirkungen für die Gaswirtschaft zur Folge haben. Die Versorgung der Gaswerke mit Kokskohle gestaltet sich immer schwieriger. Hierdurch wird zwangsläufig die technische Entwicklung in neue Bahnen geleitet. Die Arbeiten auf dem Gebiete der völligen Vergasung von Ballastkohle lassen bereits erkennen, in welcher Richtung sie verlaufen wird. Es erscheint nicht ausgeschlossen, daß dies zu einer technischen Revolution in der Gaswirtschaft führt. Entsprechende Überlegungen müssen daher jetzt in die große betriebswirtschaftliche und technische Planung einbezogen werden. Die hier anstehenden Probleme lassen sich nicht mit administrativen Methoden, sondern nur aus einer unternehmerischen und vorwärtsschauenden Grundhaltung heraus lösen.

Kartelle und Preisaufsicht dürfen daher nicht weiter die Handlungsfreiheit der Gaswirtschaft beeinflussen, da es sonst zu Fehlinvestitionen größten Ausmaßes kommen kann, die sich später bitter rächen. Die Gaswirtschaft wünscht, daß die Staatsaufsieht, der sie sich in keiner Weise als Monopolwirtschaft entziehen will, auf eine fachliche Dienststelle der Energie-Aufsichtsbehörde beschränkt wird, und daß sich alle anderen politischen und administrativen Stellen aus der Gaswirtschaft zurückziehen. Rgb.